Bütowersche Vertellkes. Gesammelt und erzählt von Hans-Joachim Heß © 1983-2001
Frankenberg 1983, S. 55-58


August Brunke

Ende der zwanziger, der dreißiger Jahre fuhr ein alter Mann für das Dorf Neuhütten die Milch nach Groß Tuchen zur Molkerei. Winter wie Sommer, bei Schnee und Regen, an Werk- wie an Sonn- und Feiertagen. Ich sehe ihn noch heute ganz deutlich vor mir, diesen untersetzten, nicht allzu großen Mann mit den vollen, eisgrauen Haaren und den buschigen Augenbrauen. Trotz seines hohen Alters, er hatte die 80 weit überschritten, hielt er sich gerade und stand fest auf den Füßen. Krank ist er wohl nie gewesen. Wenn man sagt, daß die Alten der Schnaps erhalten hat, so kann das auf August Brunke schon zutreffen. Denn ein leichter Geruch nach Fusel und Schnupftabak haftete ihm immer an, und doch habe ich ihn nie richtig en gesehen. Er war ein Mann aus Eisen. Hart gegen sich selbst und hart gegen andere, die ihm sein vermeintliches Recht nehmen wollten. Halbheiten kannte August nicht, was er machte, machte er ganz. Immer bereit, dein Freunde die Freundeshand entgegenzustrecken, aber auch stets bereit, dem Feinde ans Leder zu gehen. Ein Pommer aus altern Schrot und Korn. Menschen seines Schlages gibt es wohl schon lange sucht mehr.

Wenn er nach getaner Arbeit vom Milchwagen stieg und sein Pferd in den Stall brachte, dann spannte da nicht der Milchkutscher, sondern noch immer der alte Husar August Brunke, der 1870/71 mitgemacht hatte, sein Pferd aus.

Für uns Kinder war er eine Art Denkmal, ein Stück deutscher Geschichte. Andächtig haben wir ihm zugehört, wenn er von den Kämpfen um Metz erzählte, von nächtlichen Patrouillenritten und den Attacken von Mars la tour und Gravelotte gegen die sich tapfer wehrenden Franzosen. Vielleicht ist er es gewesen, der in uns schon damals die Liebe zur deutschen Geschichte wachgerufen hat.

Daß "Brunk August" aber, wie er allgemein genannt wurde, noch heute bei vielen Menschen im Gedächtnis ist, ist nicht so sehr auf seine Husarenzeit und auf seine Teilnahme an den deutschen Einigungskriegen zurückzuführen, sondern das verdankt er mehr einigen Schoten, die er sich noch im hohen Alter geleistet hat.

Wenn der Frühling ins Land kam, wurde August zusehends munterer. Die erwachende Natur setzte auch in ihm wieder neue Kräfte frei. Beim ersten Lerchengesang rief er, daß es laut durch das Dorf schaute: "Halleluja, de Lewak singt!"

Und wenn Ende April, Anfang Mai das Vieh ausgetrieben wurde, stach ihn vor Übermut bereits der Hafer. Ganz besonders hatten es ihm hier die manchmal recht bösartigen und gefährlichen Bullen angetan. So saß er auch an einem schönen Maientag oben auf der Uferböschung kurz vor seinem Hause und sah dem auf der Weide ziehenden Rindvieh nach. Als nun der Bulle, ohnehin schon verärgert brummend, näherkam, ging das Theater auch schon los.

August zog seine Schnupftabaksdose, streckte sie dem Herren der Herde entgegen und rief, ihn dauernd neckend: "Schnupftabak in't Orschloch puste, Schnupftabak in't Orschloch puste." Auf dieses freimütige Angebot wollte der ca. 14 Zentner schwere Stier aber nicht eingehen, sah das vielmehr als eine Frechheit an, senkte den Kopf und stürmte die Böschung hoch. Jetzt war aber auch für August die Flucht die sicherste Verteidigung, und mit einer Behendigkeit, die ihm keiner zugetraut hätte, verschwand er in seinem Stall. Das erboste Rindvieh ließ nun seine Wut an einem alten, morschen Telefonmast aus, und von oben aus der Giebelluke ertönte es aufs neue: "Schnupftabak in't Orschloch, Schnupftabak in't Orschloch puste!"

Sein Übermut war zeitweilig so stark, daß er in sträflichen Leichtsinn umschlug und ihn einfach jede Gefahr mißachten ließ.

So holte er einmal mit dem sehr hoch gebauten Milchwagen vom Bahnhof Groß Tuchen meine Tante ab. Ob er nun den Spannagel, der den Hinterwagen mit dem Vorderwagen verbindet, verloren hatte, oder ob dieses Eisenteil im Laufe der Zeit durchgescheuert war, wußte keiner. Auf jeden Fall der Spannagel fehlte, August jagte mit seinem Fahrgast in schärfster Gangart über das Neuhüttener Kopfsteinpflaster, und der Hinterwagen wurde nur von einigen dreizölligen Nägeln gehalten, mit denen der niedrige Kasten aufgenagelt war.

Alles schrie und gestikulierte, er möge um Gottes willen langsam fahren. Das konnte ihn aber gar nicht beeindrucken, und er antwortete vom Bock herunter: "Mutte foahre dat Runge und Räder bewere!" (zittem). Als er Tante Molli glücklich abgeladen und sich den Schaden besehen hatte, sagte er nur kurz und mehr zu sich selbst: "Harre uns dotfoahre kunnt." Und damit war für ihn der Fall erledigt.

Eine andere Eigenart, die diesen alten Dickschädel auszeichnete, war sein Gerechtigkeitsgefühl. Er hatte niemals einem Menschen irgendetwas weggenommen, und er ließ sich auch nichts wegnehmen.

Den Nachtschrank, in dem sein Sparstrumpf eingeschlossen war, hatte er mit einer Kette am Bett angeschlossen und dahinter stand griffbereit ein rasiermesserscharfer Torfspaten. Wer ein derartiges Stück Geschirr kennt, weiß, was es für eine gefährliche Waffe sein kann.

Aber auch bei kleineren Dingen war mit August nicht zu spaßen und dies bekam der alte Lehmann, ein Jude, der bei uns ein ambulantes Gewerbe betrieb, sehr schmerzhaft zu spüren.

August war etwas später zurückgekommen und seine Frau machte ihm schnell eine Pfanne Bratkartoffeln, die er besonders gern mochte. Bis nun alles fertig war und auf dem Tisch stand, ging Vater Brunk rasch in den Stall, um noch etwas Brennholz kleinzumachen. Inzwischen kam Lehmann mit seinem Bauchladen, sah die Bratkartoffeln, stellte den Bauchladen bei Seite, lud sich selbst zum Mittagessen ein und ließ es sich gut schmecken. Dies war Mutter Brunken nun aber doch zu viel. Sie nichts wie in den Stall und rief: "August, kumm, Lehmann frett die de gante Brattuffle up!" Nun war alles zu spät. August schrie: "Dei Hallerdunnerwatter!" raus aus dem Stall, einen Holzpantoffel vom Fuß, und der arme Lehmann bekam fürchterlich das Leder voll. Lehmann nebst Bauchladen flogen in hohem Bogen aus der Tür, und seitdem hat sich nie wieder ein Vertreter dieser Gewerbeart in Neuhütten blicken lassen.

Sein Meisterstück aber machte August in dem sehr strengen Winter 1928/29. An einem Sonntag kam er um 14 Uhr von seiner Milchfahrt zurück und wollte sich nun auch innerlich erst mal richtig aufwärmen. Zwei oder drei Koks wirken da ja Wunder.

Als er in die Gastwirtschaft kam und sich die etwas klammen Hände rieb, saß da schon die Dorfjugend und spielt Schafskopf. Nach der kurzen Begrüßung sagte einer der Burschen: "Na, Brunk, hiet is oaber doch wohl kult?" Darauf August: "Hiet is dat doch nich kult. Junge Bursche un denn bie dem bitzke Frost frare? Giv fief Liter Korn, o ick go hiet noch baft no Grot Tuchem."

Auf Hochdeutsch: Heut ist es doch nicht kalt. Junge Burschen und dann bei dem bißchen Frost schon frieren? Gib fünf Liter Korn und ich geh noch heute barfuß nach Groß Tuchen.

Dies wollten die Jungen nun aber doch wissen. Eine 5 Liter Kruke Schnaps wurde auf den Tisch gestellt, und die Wette galt.

August überlegte nicht lange, zog Stiefel und Strümpfe aus, und los ging die Tour. In Groß Tuchen bei der Gastwirtschaft Deuble angekommen, ließ sich August einen passenden Napf mit Petroleum fällen, stellte die Füße hinein, und nach einer halben Stunde wurde der Heimweg angetreten. Eingefroren waren wohl nur die Mienen derer, die die Wette zu zahlen hatten.

August war munter und guter Dinge, schnappte seine 5 Liter Korn, nahm eine kräftige Prise, ging nach Hause und machte sich einen gemütlichen Sonntag.


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