Bütowersche Vertellkes. Gesammelt und erzählt von Hans-Joachim Heß © 1983-2001
Frankenberg 1983, S. 45-49


Dor speikend dat

Pommern war seit alters her ein sagenumwobenes Land, und auch bei uns im Bütowschen gab es kaum einen See, ein Moor, eine Heide oder einen Berg, der nicht irgendwie mit einer alten Mär in Zusammenhang gebracht wurde. Diese Sagen und Legenden sind von Generation zu Generation in langen Wintertagen bei flackerndem Herdfeuer weitererzählt worden und haben sich so bis in die jüngste Zeit erhalten.

Wie schön gruselig war es doch, wenn der Wind im Kanonenschornstein heulte und an der Giebelverschalung rüttelte, wenn draußen die alten Bäume knarrten, die Eulen schauerlich heulten und das Käuzchen, angelockt von dem späten Licht, sein "komm mit, komm mit" ertönen ließ. Da erwachten dann die alten Schauergestalten wieder zu neuem Leben. Da versperrte der schwarze Hund den unterirdischen Gang zum Schloßberg in Bütow, da blinkte geisterhaft das Irrlicht im Moor und zog den Neugierigen ins Verderben. Die verwunschenen Steine wurden wieder lebendig, die Seejungfern lockten an den Seeufern, und der Wilde Jäger brauste mit Horrido, Peitschengeknall und Hundegebell in stürmischen Nächten durch die Lüfte. Im Herdfeuer knackten die Scheite, leise surrte das Spinnrad, an einem warmen Plätzchen schnurrte die Hauskatze und es war so still, daß man eine Stecknadel zu Boden fallen hören konnte. Alles strahlte eine innere Ruhe und Geborgenheit aus, wie man es sich heute in unserer lauten und hektischen Welt kaum noch vorstellen kann. Manche dieser "Vertellkes" reichte in die graue Vorzeit zurück. Ganz besonders still wurde es immer, wenn Großmutter vom Wilden Jäger erzählte.

In einer sehr stürmischen Herbstnacht kam einmal ein armer Handwerksgeselle verspätet von der Arbeit zurück. Sein Weg führte ihn über die Tuchener Heide und dann durch den Klein-Massowitzer Forst. Um die Geisterstunde hörte er plötzlich in der Luft ein gewaltiges Brausen, wildes Hundegebell und lautes Peitschenknallen, aber er konnte nichts sehen. Da schrie mit einem Mal eine laute, rauhe Stimme: "Mann, hull den Middelweg". Immer noch tobte in den Lüften die wilde Jagd, da stand plötzlich ein großer dunkelgekleideter Mann neben ihm. Er hatte nur ein einziges hell leuchtendes Auge, auf dem Kopf einen großen Schlapphut und dauernd umkreisten ihn zwei mächtige Raben. "Schieb mir die großen Kiefern aus dem Wege", herrschte er den einsamen Wanderer an und gab ihm zu verstehen, mit welchen geheimnisvollen Zeichen er diese Aufgabe erfüllen konnte. Unser Handwerksbursche tat wie ihm geheißen, da schlug die Groß-Tuchener Turmuhr Mitternacht, und auf einmal war der ganze Spuk verschwunden. Als der Geselle am nächsten Tag sein Handwerkszeug auspackte, war es zu reinem Gold geworden.

"Ja, Kinder", schloß Oma ihre Erzählung, "dat wier de wile Jäger, vör denn mutt ji juch in Acht nähme, süst kann dat ok moal bös utgohe." In dieser wohl ältesten Sage ist das Andenken an den germanisch-heidnischen Gott Wotan bis in unsere heutige Zeit wachgehalten worden. Was wußten sie nicht alles zu erzählen, unsere alten Märchentanten? Da hatte einer den "bösen Blick", dem anderen durfte man auf keinen Fall in der Geisterstunde begegnen. Auch schwarze Katzen waren ihnen nicht recht geheuer. Schon gar nicht, wenn sie einem von links nach rechts über den Weg liefen. "Von links nach rechts pecht's", hieß es. Manche wollten den, Gottseibeiuns, mit dem Pferdefuß persönlich gesehen haben, und gespukt hat es bald in jedem älteren Gemäuer. Selbst Kirchen wurden davon nicht verschont. In der Bergkirche in Bütow sollen sogar nachts die Geister getanzt haben. Man konnte sie nach Meinung mancher alten Leute sehen, wenn man zur Mitternacht dreimal um de Kirche ging und danach die Hand auf den Drücker legte. Dann erschien ein alter, eisgrauer Mann und führte den Neugierigen hinein, der hier die Geister der längst Verstorbenen sich in gemessenem Reigen drehen sah.

Sehr geheimnisvoll ging es auch bei dem sogenannten "Besprechen" zu. Keine dritte Person durfte in der Nähe sein, und der Betreffende mußte auch fest daran glauben. Beim Besprechen der Warzen zog dann die mit den Überirdischen im Bunde stehende Frau einen Heringskopf unter der Schürze hervor, bestrich damit dreimal die Warze und murmelte dabei: "was ich bestreich, das vergeht, was ich nicht bestreich, das besteht. Im Namen des Vater, des Sohnes und des heiligen Geistes."

Manch einer schwor hinterher Stein und Bein, daß ihm der Zauberspruch geholfen habe! Derjenige aber, dem die Besprecherei nicht geholfen hatte, hielt, um sich bei seinen Bekannten nicht lächerlich zu machen, den Mund und verhalf damit unseren Gesundbetern zu einer relativ hohen Erfolgsquote, die ihnen dann immer wieder neue Kunden zuführte. Alles, was man sich nicht erklären konnte, regte in gleicher Weise Furcht und Fantasie an. In den bei uns weit verbreiteten Sumpfen und Torfmooren war zeitweilig ein über dem Erdboden oder dem Wasser schwebendes Flämmchen zu beobachten, das allgemein als Irrlicht bekannt war, und den einsamen Wanderer in die Ausweglosigkeit der Sümpfe lockte, in denen er dann umkam.

Im Dreißigjährigen Krieg, als einmal die Kaiserlichen und ein anderes Mal die Schweden Pommern verwüsteten, bis es nichts mehr zu verwüsten gab und das Lied "vom abgebrannten Pommernland" entstand, sollen einmal die Schweden einen Bauern gezwungen haben, sie nachts durch ein weites Moor in den Rücken ihrer Feinde zu führen. Der arme Teufel stapfte vor den wilden Mordbrennern her und überlegte, wie er das Gesindel loswerden konnte. Da sah er in der Ferne ein einsames Licht. Er hielt an und rief den Anführer zu sich: "Siehst du da hinten das einsame Licht? Das ist ein Bauernhof, in dem der Stab der Kaiserlichen Quartier bezogen hat, darauf müßt ihr geradewegs zumarschieren!" Ehe der Schwede noch weitere Fragen stellen konnte, war unser Bauer im Dunkel der Nacht und in der Wildnis verschwunden. Nach geraumer Zeit hörte die Soldateska noch einmal aus respektabler Entfernung seine Stimme: "Immer geradeaus, meine Herren, immer geradeaus!"

Zum Umkehren war es für die Schweden zu spät, und am andere Ende des Moores ist auch keiner angekommen. Das lrrlicht hatte sie alle in die Irre und in die unergründliche Tiefe gelockt. Dort liegen die Moorleichen heute noch, von der Torfsäure gut konserviert und warten, bis ein Torfspaten sie und ihre Schandtaten wieder ans Tageslicht bringt.

Sagenumwoben waren auch die größten Findlinge, die uns die letzte Eiszeit zurückgelassen hatte. So befinden sich in der Nähe von Damsdorf zwei etwa mannshohe Steine, die in ihren Umrissen sehr deutlich zwei Menschen ähneln.

Der Sage nach soll hier ein Ehepaar gelebt haben, das sich dauernd gestritten und ein gotteslästerliches Leben geführt haben soll. Im letzten Streit, der alles bisher Dagewesene noch übertraf, sollen sich beide gegenseitig verflucht haben und sind darauf an der selben Stelle zu Stein geworden, wo sie heute noch zur Abschreckung stehen.

Einen ganz besonderen Platz in der langen Reihe Bütower Findlinge nimmt aber der Blutstein von Klein-Massowitz ein. Mitten im dichten Forst, unmittelbar an einem sandigen Waldweg, dort wo die Einsamkeit ihre Sonntagsstube hat und Fuchs und Has' sich gute Nacht sagen, liegt halb vom Unterholz verdeckt ein großer, rechteckiger Stein. Sieht man genau hin, so erkennt man in der Vorderfront die Umrisse von einer Tür und zwei Fenstern. Der Findling sieht einem Haus nicht unähnlich, dessen Dachstuhl von einem schweren Sturm runtergerissen wurde.

Um diesen - einem Haus ähnlichen Stein - rankt sich nun eine Geschichte, die gleich vielen anderen weit zurückreicht und von Generation zu Generation weitergegeben wurde.

In grauen Zeiten soll hier ein Räuberhaus gestanden haben, in dem das Gesindel nach erfolgreichen Raubzügen seine Orgien feierte und seine Beute aufbewahrte. Da kam eines Tages ein armer Bettelmönch des Weges und wollte in dem vermeintlichen Köhlerhaus um eine Gabe bitten. Die Räuber aber, die auch vor dem erhobenen Kruzifix nicht zurückschreckten, nahmen dem Mönch das wenige. das er besaß auch noch ab und erschlugen ihn.

Der Gottesmann hatte noch gerade so viel Kraft, um Haus und Räuber zu verwünschen. Um die Mitternachtsstunde sollte ihr Haus zu Stein werden und die ganze Bande darin umkommen. Die Halsabschneider aber verhöhnten den sterbenden Mönch und zechten lustig weiter. Plötzlich gab es einen großen Knall, Haus und Räuber waren verschwunden, und an der gleichen Stelle lag und liegt noch heute der sagenumwobenen Blutstein von Klein-Massowitz. Bohrt man ihn an, und das ist schon mehrmals geschehen, so läuft eine rote Flüssigkeit heraus. Der Findling wurde unter Naturschutz gestellt und ist so der Zerstörung entgangen. Das Unheimliche aber ist bis auf den heutigen Tag geblieben. Wer da nicht unbedingt vorbei mußte, mied diesen schaurigen Ort, wenn auch bis in die dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts dort nichts nennenswert Abschreckendes geschah.

Aber noch einmal wurde der bemooste Stein aus dein Dunkel der Vergangenheit in die aktuelle Gegenwart gerückt. "Am Blutstein spukt es," so ging es von Mund zu Mund, und unsere Landsleute katholischer Konfession vergaßen dabei nicht, sich rasch zu bekreuzigen. "Da geht es nicht mit rechten Dingen zu", sagten die anderen, und noch andere hatten sogar einen weißen Ziegenbock mit rotglühenden Augen gesehen, der dort sein Unwesen trieb. Wenn es dort schon immer nicht recht geheuer war, jetzt machten unsere Mädchen, und nicht nur sie, einen noch größeren Bogen um diesen Ort, an dem nach Meinung der ganz Alten kein anderer als der Böse selbst hauste.

Das ging eine ganze Zeit so, bis ein Massowitzer Bauer sich verspätet hatte und in stockdunkler Nacht durch den Wald und nach Hause fahren mußte. Als er kurz vor dem Blutstein angekommen war, sah er zwischen den Bäumen nun tatsächlich einen Ziegenbock rumgeistern.

Der Massowitzer, nun bei Leibe kein Schwächling, ein Mann, dem Furcht seit jeher ein Fremdwort gewesen war, erkannte die Situation sofort. "Zägebuck, wenn du nich meckst, dat du no Hus kimmst, dann gift dat ganz mächtig wat up't Ledder!" Der Ziegenbock ging trotz mehrmaliger Aufforderung nicht und begleitete den ruhig mit seinem Gefährt dahinziehenden Landmann. Als er aber auch noch versuchte, die Pferde scheu zu machen , wurde es unserem Bauern zu viel. Das Fuhrwerk anhalten und runter vom Wagen war das Werk von Sekunden! Handliche Knüppel lagen in Fülle herum, und ehe sich unser spukender Ziegenbock versah, hatte er sich eine kräftige Tracht Prügel aufgeladen. Dabei gab das Ziegenvieh rasch menschche Klagetöne von sich und nahm dann auch menschliche Gestalt an.

Liebe Landsleute, die Sie einmal in den Massowitzer Forst kommen sollten, besuchen Sie ruhig den Blutstein, denn seit dieser Zeit hat es dort nicht mehr gespukt.


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