Bütowersche Vertellkes. Gesammelt und erzählt von Hans-Joachim Heß © 1983-2001
Frankenberg 1983, S. 9-11


Durch Bütows Wald und Flur

Dort, wo Pommerns Berge am höchsten, seine Wälder am größten und seine Seen am zahlreichsten sind, dort, Fremder, findest du unsere Heimat, unser Bütower Land.

Man muß schon die lauten Straßen verlassen, um es überhaupt zu entdecken. Dem Wanderer aber, der keine Mühsal und Beschwerde scheut, erschließt es sich dann in seiner ganzen Schönheit und Vielfalt. Berg und Tal, Kuppen und oftmals tief eingeschnittene Flußtäler reihen sich in stetem Wechsel harmonisch aneinander und geben unserem buckligen Ländchen, wie es oftmals genannt wird, sein typisches Aussehen.

Etwa ein Drittel des Kreises ist mit Wald bestanden, in dem das Schwarzwild durch das Dickicht bricht und zur Brunftzeit kapitale Hirsche röhren. Auf den sandigen Böden ist die Kiefer dominierend, die ein hervorragendes Bauholz liefert. Aber auch Laub- und Mischwälder sind sehr zahlreich vertreten und prangen im Herbst in unvergleichlicher Schönheit. Dort, wo die Berge zurücktreten, findet man noch ausgedehnte Heideflächen, die dein Betrachter wie am ersten Schöpfungstag erscheinen mögen. Hier hat der Mensch noch nichts zerstört. Hier ist er in seine Umgebung eingebettet und in dauernder Wechselbeziehung zu ihr stehend selbst ein Stück der ihn umgebenden Natur.

Der schönste Schmuck der Landschaft aber sind die zahlreichen Seen. Es gibt kaum ein Dorf, das nicht einen oder sogar mehrere von ihnen sein eigen nennt. Der größte, der Jassener See, bedeckt eine Fläche von über 500 ha. Mit seiner reichen Vogelwelt schon seit längerer Zeit ein einmaliges Naturschutzgebiet, übte er stets auf die Ornithologen eine besondere Anziehungskraft aus. Besonders Fischreiher und Kormoran horsteten in großen Scharen auf den alten Eichen und auf den Bäumen der neun Inseln als Brutvögel. Beide sind große Fischräuber, aber trotzdem wurde der Kormoran streng geschützt, da es davon im nördlichen Mitteleuropa nur noch wenige gab.

Kraniche säumten in langer Reihe das Seeufer und ließen ihre trompetenartigen Rufe ertönen. Für jeden echten Naturfreund war dies ein einmaliges Erlebnis, ein Bild, das an Schönheit seines gleichen sucht.

Aber alles tritt in den Hintergrund, alles andere verblaßt in der Erinnerung des einsamen Wanderers, wenn er das helle "kji, kji, kli", den Schrei des Königs der Lüfte, des größten Greifvogels, den es in Deutschland überhaupt gibt, den Schrei des Seeadlers hört und sein Flugbild sich am blauen Himmel abzeichnet. Mit einer Spannweite von über 2,50 m schwebt er, kaum eine Schwinge rührend, majestätisch und fast schwerelos dahin.

Da ist er, unser Vogel Griep, der seit je die Menschen beeindruckt hat und zum Symbol für Stärke und Kühnheit geworden ist. Worte reichen kaum aus, um das zu schildern, was so mancher Pommer bei seinem Anblick empfindet. Mythos, Volksglaube und Sage haben sich seiner bemächtigt, und immer wieder hat man ihn seit frühesten Zeiten in der Kunst dargestellt. Wir können heute nur noch hoffen und wünschen, daß er auch weiterhin über unserem Lande seine Kreise ziehen möge.

Jeder See hat sein eigenes Gesicht, seinen besonderen Charakter. Von besonderer Schönheit ist der Kamenz-See, der leider nach dem Versadler Vertrag nur noch zu einem kleinen Teil deutsch geblieben ist. Er liegt von steilen, bewaldeten Hängen umringt tief in die Landschaft eingebettet gleich einem Fluß, der sich einen Weg durch das Gebirge sucht. Verträumt unter hohen Buchen finden wir in den Heischkulen bei Borntuchen den kleinen Herta-See, der seinem sagenumwobenen Vetter auf der Insel Rügen sehr ähnlich ist. Gern wurde er von Ausflüglern aufgesucht. Das eigentliche Naherholungsgebiet unserer Kreisstadt war aber der nahegelegene Gillingsee. Mit vielen Wassersportmöglichkeiten, Wanderwegen und mit Gieses Bootshaus war er der Wannsee Bütows.

Für die kulinarischen Genüsse, soweit sie vom Fischmarkt abgedeckt wurden, sorgten in erster Linie der Jassener- und der Somminer-See. Sie lieferten, bedingt durch ihren klaren, sandigen Untergrund, einen sehr wohlschmeckenden Fisch.

Dieses schöne, buckelige Ländchen, das unsere Heimat war und ist, haben wir früher als eine Selbstverständlichkeit betrachtet und sind an manchen Dingen achtlos vorübergegangen. Erst jetzt, da wir es nicht mehr haben, weil es uns genommen ist, merken wir, was wir verloren haben und um wieviel ärmer wir geworden sind. Wir, das sind die Bütower Menschen aus Stadt und Land mit all ihrer Schaffenskraft, mit all ihrem Fleiß, aber auch mit ihren nur allzumenschlichen Schwächen und Ungereimtheiten. Das bist du und das bin ich, und von dir und von mir soll im Folgenden die Rede sein. Originale und Käuze hat unsere Heimat neben großen Männern und Frauen hervorgebracht; meistens aus knorrigem, hartem Holz geschnitten, aber mit einem fröhlichen Herzen ausgestattet. In ihren Streichen und Schoten, in ihrer Mundart und in ihren Gebräuchen offenbart sich, sieht man einmal genauer hin, ein großer Teil der Wesensart unseres Menschenschlages, der im Laufe der Jahrhunderte das Gesicht des Bütower Landes geprägt hat und von ihm selbst geprägt wurde.

Lautes Lachen ist nicht unsere Art. Wir lieben vielmehr das stille, manchmal auch etwas hintergründige Schmunzeln, und der Schalk sitzt vielen oft im Nacken.

Das bekam einmal ein etwas übereifriger Förster zu spüren, der es mit der Jagd auf vermeintliche Wilderer mehr als ernst nahm.

Wilddiebe im eigentlichen Sinne hatte es im Bütower Land schon lange nicht mehr gegeben, und unser Grünrock hatte wohl zu viele Romane gelesen, die dann seine Phantasie über Gebühr beflügelten.

In der Geschichte des Bauerntums jedoch kannte er sich gewiß nicht aus. Er hätte sonst wissen müssen, daß es früher einmal jedem Landwirt gestattet war, auf seinem eigenen Grund und Boden zu jagen. Erst in neuerer Zeit wurde den Bauern durch einengende behördliche Bestimmungen die diesbezügliches Gewohnheitsrecht genommen. Das war für manch einen Dickschädel zuviel, und nach der Devise: "Du kasst mie moal am........" holte er sich dann doch mal von Zeit zu Zeit einen Krummen (einen Hasen) nach Hause. Diese Art der Selbstversorgung als Wilddieberei anzusehen, konnte auch nur diesem 150prozentigen Forstbeamten einfallen. Wie kam man nun aber möglichst lautlos in den Besitz eines Hasen? Ganz einfach! Man hob im Winter eine entsprechend tiefe Grube aus, deckte sie mit leichtem, dürren Reisig ab und legte obenauf einige grüne, für Langohren sehr einladende Kohlblätter. Bis es dann irgendwo im Dorf nach Hasenbraten roch, war jetzt nur noch eine Frage der Zeit. Auf einem Pirschgang war nun unser fleißiger Grünrock auf eine derartige Fallgrube gestoßen, in der Freund Lampe seine verzweifelten Befreiungsversuche machte. "Aha", dachte unser Förster, "Bäuerlein, jetzt hab' ich dich!" Er ging zu dem Besitzer dieses Feldes, nennen wir ihn mal Lehmann; und wollte ihn wegen Wilddieberei festnehmen. Zu leugnen gab es hier nichts mehr, und an Ort und Stelle sollte der Bauer überführt werden. Unser wackerer Landsmann hatte es nicht so eilig. Er ging zunächst ins Nebenzimmer, zog in aller Ruhe seine dicke Joppe an, und dann stapften beide durch den hohen Schnee davon.

Am Tatort angekommen, fragte der Förster: "Lehmann, haben Sie nun die Grube da ausgehoben oder nicht?" "Ja, Herr Förster", sagte der Beschuldigte in sehr ehrerbietendem Ton, "das habe ich gemacht". "Und in der Dunkelheit wollten Sie den Hasen töten und nach Hause schaffen?" "Da sei Gott davor", sagte Lehmann, "die ganze Geschichte, das ist man so, Herr Förster, wissen Sie, das ist eine reine Erziehungsmethode." Dabei griff der Bauer in die Grube, holte den zappelnden Hasen raus, legte ihn übers Knie, und mit einem Rohrstock, den er unter der Joppe hervorgeholt hatte, verabreichte er Freund Lampe eine gehörige Tracht Prügel und ließ ihn nach dieser Tortour laufen. "Sehen Sie, Herr Förster, die Schläge, die spürt der noch lange. Der kommt nicht noch einmal auf meinen Acker und frißt mir den Kohl ab." Beide verließen danach den Tatort. Mürrisch und angeschmiert der Waidmann, mit seinen Erziehungsmethoden sehr zufrieden und still vor sich hin schmunzelnd Bauer Lehmann.


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