Bütowersche Vertellkes. Gesammelt und erzählt von Hans-Joachim Heß © 1983-2001
Frankenberg 1983, S. 34-36



Wie der "Paschke-Kraug" zu seinem Namen gekommen sein soll

R i c h t i g s t e ll u n g
betreffend die Broschüre - Bütowsche Vertellkes -
- Seite 34 -
Wie der "Paschke Kraug" zu seinem Namen gekommen sein soll
Wie sich nachträglich herausgestellt hat, liegt hier eine Verwechslung des Ortes der Handlung vor, die durch eine Fehlinformation entstanden ist. Es kann sich also nicht um den Paschke Kraug in Hygendorf handeln. Letzterer wurde von 1930-1932 von Herrn Paschke sen. erbaut, und sein Sohn, Kurt Paschke, hat am 1.7.1932 die Wirtschaft unter dem Namen "Paschke Kraug" eröffnet. Herr Kurt Paschke hat zu keiner Zeit ein ambulantes Gewerbe ausgeübt, noch das Startkapital im Glücksspiel erworben. Für die bedauerliche Fehlinformation entschuldigt sich der Verfasser.

Draußen heulte der Wind und peitschte den Regen durch die Straßen. Wiedermal ein Wetter, bei dem ein Bauer nicht seinen Hund rausjagt. Die Wolken hingen tief, grau in grau, und man mußte am Nachmittag schon das Licht anmachen. Die Geschäftsleute m der Langen Straße und um den Markt sahen gelangweilt in das gruselige Treiben und die Kinder drückten sich die Nasen an den Scheiben platt. Eine richtige Weltuntergangsstimmung! An solchen Tagen soll man nichts Gescheites unternehmen, sagen die alten Leute, denn da steckt kein Segen drin. Dieser Meinung waren auch zwei recht gut betuchte Bütower. Sie taten dann auch das nach ihrer Meinung einzig Richtige. Sie setzten sich in Steinhauers Hotel an einen schönen Ecktisch und spülten mit einem steifen Grog die ganzen Sorgen einschließlich des Weltuntergangs hinunter. So müssen sie da schon eine geraume Zeit gesessen haben. Der geschäftliche Teil war längst abgehandelt, die Aussichten und Möglichkeiten bei kommenden Unternehmungen aus jeder Sicht beleuchtet, der lokale Teil gab auch nichts mehr her, die letzten Kalauer waren erzählt und langsam kam Langeweile auf. Aber was sollte man mit dein angebrochenen Nachmittag machen? "Wirtschaft, noch einmal zwei Grog und eine gute Zigarre." Sehr genüßlich trank man das edle, wärmende Gesöff und qualmte so, wie ein kleiner Bauer backt.

"Mensch, das regnet immer noch," sagte der kleine, recht gut genährte Bütower, weil ihm sonst wohl nichts Gescheiteres einfiel. "Ach, laß es nur regnen", sagte genau so geistreich der andere, "es regnet ja nicht von Unserem." So saßen sie da und machten es wie die alten Deutschen, sie ließen es regnen.

Als man sich noch einmal inden Bütower vertieft hatte, ging die Tür auf, und rein kam ein Vertreter des ambulanten Gewerbes. Mann und Bauchladen machten auch nicht gerade den glücklichsten Eindruck. Das Wasser tropfte aus den Rockzipfeln und mit Hosenträgern, Gummiband, Nadeln, Zwirn, Knöpfen und Rasierklingen konnte man unter diesen Umständen auch nicht gerade Rothschild werden. So dachte wohl auch unser wandernder Handelsmann, denn er konnte nicht im Entferntesten ahnen, daß die einträglichsten Stunden seines Lebens in wenigen Augenblicken beginnen würden. Er stellte sein tragbares Warenhaus in eine Ecke, zog seine von Nässe triefende Joppe aus und bestellte sich auch einen Grog. Das war sehr gescheit von ihm, ja, es sollte die glücklichste Entscheidung werden. Während er sich die klammen Finger am warmen Glase auftaute und vorsichtig den ersten Schluck nahm, wurden unsere beiden, von der Langeweile strapazierten Pfeffersäcke auf ihn aufmerksam.

"Ob er wohl Karten spielen kann?" meinte der kleine Dicke, "dann hätten wir den dritten Mann." Und da schallte es auch schon zum Nachbartisch hinüber: "He, Mann, kannst du Karten spielen?" "Ich bin kein großer Spieler, aber etwas verstehe ich schon davon", kam es sehr bescheiden zurück.

"Hast du Lust, wollen wir ein Spielchen machen?" Unser reisender Händler wollte, und nun nahm das Schicksal seinen Lauf. Man rückte in der Ecke zusammen, machte sich kurz bekannt, und ab ging die Post!

Da die beiden Bütower Patrizier ihr Gegenüber für einen armen Schlucker hielten, was zu dieser Zeit auch wohl nicht weit von der Wahrheit abwich, schossen sie ihrem dritten Mann zunächst eine für die damalige Zeit recht beträchtliche Summe vor.

Man begann mit dem in ganz Pommern bekannten und ach, so beliebten "Schafskopf". Zunächst auf 5, dann auf 10 und nach einer gewissen Zeit schon auf 50 Pfennige. Da aber der beste Schafskopf, spielt man ihn zu lange, auf die Dauer langweilig wird, wechselte man zum "Skat" über. Ob man hier nun gleich mit dem berühmt-berüchtigten "Groschenskat" anfing, ist nicht überliefert. Eines steht aber fest, zur Polizeistunde mußten schon recht erhebliche Summen den Besitzer gewechselt haben. Unsere leidenschaftlichen Spieler aber hörten schon lange nicht mehr den Sturm, der den Regen mit gleichbleibender Stärke gegen die Fenster schlug, sie bekamen auch kein Heimweh, sie sahen nur ihre Karten und hatten alles andere um sich herum vergessen.

Vater Wirt schloß also die Türen ab, und unsere drei Helden in ihrer Ecke hörten nicht einmal mehr den Gutenachtgruß des sehr entgegenkommen den Hoteliers. Der Spielteufel hatte von ihnen voll und ganz Besitz ergriffen. So ging es die ganze Nacht. Man geht wohl recht in der Annahme, daß nicht nur die ganze Zeit Skat gespielt wurde. Warum auch, es gibt doch auch noch Glücksspiele wie: Mauscheln, 17 und 4, Meine-Deine, Häufeln, Pokern usw. Mit welchem dieser Spiele unsere drei Herrschaften sich die Nacht um die Ohren gehauen haben, ist nicht bekannt. Jedenfalls die Bäckerjungen kegelten schon mit den leeren Marmeladeneimern, weil sie wütend waren, daß sie schon arbeiten mußten, während andere Leute noch im Bett lagen, und die ersten Fuhrwerke rumpelten bereits über das Kopfsteinpflaster der Langen Straße, als unsere Unentwegten die letzte und allerletzte Runde. Man trennte sich endlich mit einem flüchtigen Händedruck und einem angedeuteten Gruß. Unsere beiden betuchten Bütower Geschäftsleute schlichen um einiges weniger betucht schweren Schrittes nach Hause. Dieses Geschäft war nun ganz und gar nicht in ihrem Sinne verlaufen. Aber es traf ja keinen Armen.

Unser wandernder Handelsmann hingegen schulterte frohgelaunt seinen Kramladen und verließ, wenn auch etwas übernächtigt, flotten Schrittes diese für ihn so einträgliche Stätte. Er hatte in dieser Nacht das beste Geschäft seines Lebens gemacht und soll seinen beiden Kontrahenten, die keinen Groschen mehr in der Tasche hatten, als Trostpflaster ein gutes Zehrgeld mit auf den Heimweg gegeben haben.

Nun wurde gerade zur selben Zeit m Hygendorf ein Gasthof mit einigen Morgen Land zum Kauf angeboten. Nachdem der ambulante Gewerbetreibende ausgeschlafen und gut gefrühstückt hatte, fand er in der Morgenlektüre auch dieses Inserat. "Wäre das nicht gerade das Richtige für mich?" schoß es ihm durch den Kopf. Nach den lohnenden nächtlichen Einnahmen war der Gedanke auch keineswegs unrealistisch zu nennen.

Man konnte sich ja erst einmal die W ansehen, und vielleicht ließ der Besitzer mit sich handeln.

Er ließ mit sich handeln, und nach kaum einer Woche stand dem Abschluß des Kaufvertrages und der Eintragung ins Grundbuch nichts mehr im Wege. Bald jedem eintretenden Gast das Schild mit der Aufschrift "Paschke-Kraug" entgegen.

Sie, meine lieben Leser, dürfen nun dreimal raten, wie wohl der frühere Besitzer des Bauchladens geheißen hat!


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