Volkssagen aus Stadt und Kreis Bütow in Pommern.  Gesammelt von Walter Keller. Bütow 1920.
Nachdruck: Unvergessene Heimat, Nr.6. Frankenberg 1969. - Sagen aus dem Kreise - Nr.38 S.21  


Bau einer neuen Kirche in Borntuchen

Im Jahre 1804 sollte die alte katholische Kirche zu Borntuchen wegen Altersschwäche abgebrochen und eine neue gebaut werden. Die Gemeinde bestand damals schon zur Hälfte aus evangelischen Bewohnern; infolgedessen entspann sich über Bau- und Besitzrecht der neuen Kirche ein heftiger Streit unter den Gemeindemitgliedern. Endlich nahm der Schulze die Sache in die Hand und lud sämtliche Ortsangehörige zu einer Beratung im Gasthof des Dorfes ein. Das Ergebnis derselben war: "Diejenige Konfession, die zuerst den Grundstein der neuen Kirche legen wird, soll auch das Eigentumsrecht haben." Nun ging es seitens der Evangelischen an ein Spendieren, so daß bald alle Katholiken total betrunken unter dem Tisch lagen und vorauszusehen war, daß an ein Erwachen derselben vor Anbruch des nächsten Tages nicht zu denken sei. Die Evangelischen begaben sich nun auf den Bauplatz und vollendeten noch in derselben Nacht das Fundament der neuen Kirche. Am Morgen kamen auch die Katholiken zum Bauplatz, zogen aber unter Fluchen und Schimpfen davon, als sie sahen, daß, sie von ihren Gegnern überlistet waren. Die Evangelischen aber freuten sich des Erfolges und arbeiteten rüstig weiter. Am nächsten Morgen mußten sie jedoch zu ihrem größten Leidwesen die Wahrnehmung machen, daß in der Nacht gerade der beste Eckstein aus dem Fundament verschwunden war. Eine Haussuchung bei den Katholiken blieb ergebnislos. Schon dämmerte der Abend und noch war keine Spur des vermißten Steines gefunden. Die Evangelischen waren ratlos. Da meldete ein Bote, daß der Stein auf derselben Stelle stehe, von wo man ihn geholt habe. Sogleich machte man sich auf, um ihn zu Wagen vom Damsdorfer Felde wieder herbeizuschaffen. Er wurde aufs neue eingemauert; aber am nächsten Morgen war er zum zweiten Male verschwunden. Abermals eilt man nach Damsdorf und findet ihn auf seiner alten Stelle, nichts deutet an, daß er jemals von diesem Fleck fortgewesen ist. Da ergreift die Arbeiter heilige Scheu. Viele aber fürchteten sich und meinten, in dem Stein säße nichts Gutes. Andere behaupteten, es sei ein verwünschter Stein oder gar eine verwünschte Prinzessin, die erlöst sein und das Dorf Borntuchen zum Königreich erheben würde, wenn der Stein zum dritten Mal eingemauert würde. Keiner aber fand den Mut, zum dritten Mal Hand anzulegen, und so blieb der Stein bis zum heutigen Tage auf seiner Stelle, zum Bedauern vieler alter Leute, die noch jetzt in dem Stein eine verwünschte Prinzessin erblicken.

(Knoop)


Bereitgestellt von:
Studienstelle Ostdeutsche Genealogie (insbes. Pommern und Pommerellen) der Forschungsstelle Ostmitteleuropa an der Universität Dortmund
In Verbindung mit dem Heimatkreis Bütow

                         E-mail: arrendator@kreis-buetow.studienstelleog.de
                         web-site: http://www.buetow-pommern.info
                         © Klaus-Dieter Kreplin, zum Nordhang 5, D-58313 Herdecke 2003