Volkssagen aus Stadt und Kreis Bütow in Pommern.  Gesammelt von Walter Keller. Bütow 1920.
Nachdruck: Unvergessene Heimat, Nr.6. Frankenberg 1969. - Sagen aus dem Kreise - Nr.89 S.42  


Die wilde Jagd in Wusseken

Um seine Familie zu ernähren, ging ein armer Tagelöhner den ganzen Winter hindurch in den Wald, um Holz zu fällen. In einer Nacht schien der Mond gar helle; der Mann erwachte und meinte, es sei schon Morgen. Er hieß deshalb seine Frau aufstehen, daß sie ihm das mitzunehmende Essen fertig mache. Als er sich dem Walde näherte, hörte er plötzlich die wilde Jagd herannahen, und nun merkte er erst, daß er sich noch in der Geisterstunde befände. An eine Umkehr war nicht mehr zu denken. Im Nu zeichnete der fromme Mann einen großen Kreis um sich, bekreuzte ihn und sich und stellte sich dann in die Mitte desselben. Nicht lange währte es, da kam ihm ein Kindlein zwischen die Füße gerannt und bat ihn, er solle es doch nicht den ihm nacheilenden wilden Jägern herausgeben, denn wenn sie es in dieser Stunde bekämen, so wäre es auf ewig verloren. Liefere er es aber nicht aus, dann sei es erlöst und werde in den Himmel aufgenommen. Dann erzählte es, daß die Mutter böse gewesen sei und es gleich nach der Geburt ersäuft habe. Kaum hatte das Kind geendet, da standen auch schon drei starke, schwarze Jägerhunde mit blitzenden, feuersprühenden Augen hart am Kreise, Mann und Kind eine geraume Weile schweigend anblickend und dann weiter trabend. Gleich darauf erschienen drei Jäger und verlangten die Herausgabe des Kindes, aber trotz aller Drohungen lehnte der Mann das ab. Da nahmen sie zu Versprechungen ihre Zuflucht. Einer von den Jägern hielt eine schwere Geldkatze empor und bot sie als Preis für die Auslieferung. Doch umsonst, der Arbeiter blieb allen Verlockungen gegenüber standhaft. Da fiel plötzlich dem Verfolger die Geldkatze aus der Hand und blieb in dem geweihten Kreise liegen. Sofort forderten die Jäger nun entweder das Kind oder die Geldkatze, aber der Tagelöhner antwortete, sie sollten ihr Geld nur selber nehmen, wenn sie es haben wollten, er hätte sie ja gar nicht darum gebeten. Das konnten sie aber nicht, und nachdem sie sich noch eine Weile mit dem Manne herumgezankt hatten, war ihre Zeit aus und sie mußten weichen. Das Kind war gerettet. Nachdem es seinem Beschützer gedankt, bat es ihn, die Augen zu schließen, da es jetzt fort müsse; aber der Mann meinte, da er es gerettet habe, müsse er nun auch sehen, wo es bleibe. Erst nach vielem Drängeln entschloß sich der Mann, ihm nur mit einem Auge nachzuschauen. Und siehe da tat sich der Himmel auf, und das Kind ging ein in die Hütten des ewigen Friedens. Der Tagelöhner aber erblindete von dein Glanz der geschauten Herrlichkeit auf dem geöffneten Auge. Froh, ein gutes Werk getan zu haben, hob er die Geldkatze auf und ging heim. Fortan war er ein reicher Mann und brauchte nicht mehr zum Holzschlagen zu gehen.

(Knoop)


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