Geschichten aus dem Bütower Land von Fritz Pallas
Erstveröffentlichung in: Ostpommersche Heimat 1939 Nr. 5


4. Geldbesprechen

Noch schlimmer erging es im Handel mit den Zigeunern in denselben Jahren einem biedern Handwerker in Rekow.

Auf dem geräumigen Grasplatz am Kruge hatte eine große Zigeunerbande ihr Lager aufgeschlagen. An einem kleinen Kammerfenster des Gasthauses stand ungesehen das neun Jahre alte Töchterlein des Gastwirts und beobachtete das Leben und Treiben der liederlichen Gesellschaft. Die Jungen fütterten und tränkten die Pferde: die Männer lagen faul im Gras und ließen sich von der Sonne braten; die Frauen gingen ins Dorf und kamen mit gefüllten Schürzen und aufgebauschten Kleidern zurück.

Plötzlich kamen hinter der Scheune zwei junge Zigeunerinnen angerannt und sprachen halblaut ein paar Worte. Im nu war die ganze Zigeunergesellschaft um sie herum versammelt. Das kleine Mädchen am Fenster rief schnell seine Mutter herbei, und nun beobachteten sie beide, wie die zwei jungen Zigeunerinnenatemlos erzählten, den anderen etwas zeigten, und wie nun alle aufgeregt durcheinandertuschelten. Wenige Augenblicke später verschwanden die beiden Frauen wieder ebenso hastig und heimlich, wie sie gekommen waren. In aller Heimlichkeit machte die Zigeunerbande sich zur Abreise fertig und fuhr bald darauf zum Dorf hinaus in Richtung nach Berent zu.

Die Wirtsfamilie besprach noch den unerwartet schnellen Abzug der Gesellschaft und konnte sich vor allem nicht erklären, was das plötzliche Erscheinen und Verschwinden der beiden jungen Frauen zu bedeuten hatte.

Da kam der Handwerker K. die Dorfstraße dahergerannt, schrie und schimpfte aus vollem Halse.

"Wo sind die Zijeners bläwe!? Mie Jild! Dat schön Jild! De Dievels!" Und ganz verstört erzählte er, daß ihm zwei junge, hübsche Zigeunermädchen seine ganzen Ersparnisse, hundert gute, schöne Mark, abgeschwindelt hätten.

Sie hatten das auf folgende Weise fertiggebracht. Er war allein zu Hause, als die beiden Zigeunerinnen zu ihm in die Stube kamen und bettelten. Seine Frau war leider gerade ins Dorf gegangen, sonst die hätte die beiden schwadronierenden Weibsbilder schon schnell aus dem Hause gebracht. Was sollte er nun machen? Sie hatten es bald aus ihm herausgebracht, dass seine Frau und er einen kleinen ersparten Schatz im Hause hatten und vor allem, dass er gern noch mehr Geld gehabt hätte. Von Zaubern, Behexen und Besprechen erzählten sie ihm, und dass auch sie etwas von dieser schwarzen Kunst verständen. Er kam überhaupt nicht mehr zu Wort und war zuletzt vollständig überzeugt von dem, was sie ihm erzählten, nämlich dass sie durch Handauflegen und Besprechen sein Geld nicht allein dazu bringen könnten, dass es nie ausgehe, sondern dass es sich auch beträchtlich vermehren werde.

So hatte er denn schließlich den Strumpf mit dem Hundertmarkschein aus dem Strohsack des Himmelbettes hervorgesucht und ihn vor sie auf den Tisch gelegt. Die Zigeunerinnen hatten viel Handbewegungen über dem Gelde gemacht und unheimliche Worte gemurmelt. Zuletzt hatten sie den Geldstrumpf höchst eigenhändig wieder in den Strohsack gesteckt und ihm aufgetragen, das besprochene Geld mindestens eine Stunde ganz unberührt liegen zu lassen, weil es sich von dem Besprechen erst erholen müsse. Zum Dank hatte er ihnen noch eine dicke Fleischwurst in die Hand gedrückt.

Die beiden waren dann auch schnell fortgegangen, und kaum eine halbe Stunde später kam seine Frau nach Hause. Freudestrahlend hatte er ihr entgegengerufen: "Frau! Hüt häw wi ober Glick had. Du brust dat ober keinem Minsche tau vertelle!" Und geheimnisvoll hatte er ihr die ganze Begebenheit erzählt. Die hatte sich vor lauter Schreck auf die Ofenbank gesetzt und ihn wie ein achtes Weltwunder angestarrt.

"Keerl! Bist du verrickt wure!? Uns’ schön Jild!" Wie ein Habicht war sie auf das Bett losgefahren und hatte den Strumpf hervorgezerrt. Und der war denn ja auch vollständig leer gewesen.

Ja, was war nun zu tun?

Der "Schendar" wurde zunächst benachrichtigt, und der wieder ritt auf dem kürzesten Wege zu dem nächsten Dorfe, durch das die Zigeunerbande kommen mußte. Der ganze Wagenzug wurde angehalten und von oben bis unten gründlich durchsucht. Von dem Gelde wurde aber nichts gefunden, und die beiden gesuchten jungen Weibsleute waren – nach übereinstimmender Aussage der ganzen Bande – niemals bei diesem Trupp gewesen.



(Siehe zu dieser Geschichte die Vorbehalte des Herausgebers)


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