Bütower Schmunzelecke - Heitere Geschichten aus dem Kreis Bütow, gesammelt von Ernst von Domarus


aus Polschen

Amüsante Erinnerungen an Polschen, Kreis Bütow

Polschen Kirche

Evangelische Kirche m Polschen, Kr. Bütow. (Erbaut Anfang des 20. Jahrhunderts.) Nach einem Aquarell von Walter Radcke 1909

 

Im Frühjahr 1909 fuhr aus der Richtung Rummelsburg ein großes, offenes Auto in die Kreisstadt Bütow ein und hielt vor dem Hotel Tosch, wo der Fahrgast, ein wohlbeleibter Herr von etwa zwei Zentnern, ausstieg, während der Wagen mit dem Chauffeur in Livree auf der Straße von vielen Neugierigen umlagert und angestaunt wurde. Vermutlich war dieses das erste Auto, das in Bütow zu sehen war.

Mit dem Eigentümer fuhr der Wagen dann bald weiter nach der 11 km entfernten Domäne Polschen, die damals von der Pommerschen Ansiedlungsgesellschaft unter Vermittlung der Königlichen Spezialkommission Bütow in Rentengüter aufgeteilt wurde. Im Dorfe Polschen erregte das erste Auto natürlich auch großes Aufsehen wie in der Stadt.

Autobesitzer war der Landwirt Ewald Krause aus Soltnitz (Kreis Neustettin), der Interesse an dem Restgut Polschen mit Herrenhaus, Wirtschaftsgebäuden, Park, großem See und den zugehörigen Ländereien hatte. Der Kauf wurde auch abgeschlossen, und die Familie Krause zog bald in das Gutshaus ein. Um diesem ein schloßähnliches Aussehen zu verschaffen, wurden Umbauten vorgenommen. Das schräge Ziegeldach verschwand, die Vorderfront wurde um ein Stockwerk erhöht und mit Zinnen gekrönt. Auch ein Stallgebäude und die Mauer entlang der Dorfstraße erhielten Zinnen. Man vermutete damals schon ganz richtig, daß das Grundstück weiterverkauft werden sollte.

Ich war schon seit dem Herbst 1908 mit den Vermessungsarbeiten für die Siedlungen in Polschen tätig. Da ich jung verheiratet war, wohnte auch meine Frau im Mai und Juni 1909 in Polschen, um die frische Landluft zu genießen. So wurden wir dann auch zur Taufe des jüngsten Kindes der Familie Krause eingeladen.

An einem schönen Sonntagnachmittag machte sich nach einer gemütlichen Kaffeetafel die Familie Krause mit ihren Gästen zum Gang in die nahe gelegene Kirche auf, wo Pfarrer Lüttschwager die Taufe vornehmen sollte.

Jetzt stellte man fest, daß der Organist nicht bestellt war.

Die feierliche Handlung hätte ohne Orgelspiel stattfinden müssen, wenn ich nicht zufällig im Besitz des Orgelschlüssels gewesen wäre, da ich mitunter nach dem Dienst aus Liebhaberei Orgel spielte, wobei ein fixer Junge aus dem Dorf den Blasebalg bediente. Der Taufvater war über meine Mitwirkung als Aushilfs-Organist erfreut und wollte einen zum Windmachen benötigten Mann bestellen. Ich ging dann sofort in die Kirche, besprach mit dem Pfarrer den musikalischen Teil der Taufe und setzte mich an die Orgel. Während die Taufgesellschaft ihre Plätze in der Kirche einnahm, wartete ich vergebens auf den "Windmacher".

Der Pastor am Altar nickte mir zu, anzufangen, aber da ohne Wind die Orgel nicht tönt, drückte ich vergebens die Tasten. Es entstand eine peinliche Stille. Man sah hinauf zur Orgel, an der ich ratlos saß, aber die Orgel blieb stumm. Nun stieg meine Frau die Treppe zur Empore hinauf und rief mir zu: "Fange doch an!" Ich deutete hilflos auf den unbedienten Blasebalg, da setzte sie ihn kurz entschlossen in Betrieb, so daß endlich ein feierliches Choral-Vorspiel erklingen und die Taufe ohne weitere Störung stattfinden konnte.

Zufällig kam mein "Windjunge" an der Kirche vorbei, hörte den Orgelklang, ging in die Kirche und löste meine Frau am Blasebalg ab. Herr Krause hatte doch vergessen, einen Windmacher zu bestellen. Er bedankte sich bei mir für das Orgelspiel und schenkte dem Jungen großzügig eine Mark.

Bei dieser Tauffeier war auch ein Landwirt Schmidt anwesend, der bald das Restgut kaufte. Hierüber berichtete denn der "Bütower Anzeiger" und erwähnte dabei: Das Auto ist mitverkauft.

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Im Gasthaus zu Polschen sorgte die tüchtige Frau Eichmann für gute Verpflegung und betreute auch die Postagentur sowie das Fernsprechamt. Sie erzählte folgende Episode, die ihr Junge aus der Schule mitbrachte:

Der Lehrer spricht mit den Kindern über das Tischgebet und fragt dann die Zwillinge eines Landwirtes: "Was sagt denn eure Mutter, wenn ihr euch zu Tisch zum Essen setzt?"

"Sie seggt: ,Jungs, beschlabbert juch nich.'"

Walter Radcke, Berlin-Friedenau, Geßlerstr. 25

(Pommersche Zeitung ?)


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