Damals im Kreis Bütow. Geschichten aus dem Kreis Bütow von Georg Sonnenburg © 1991-2001
Erstveröffentlichung in: Die Pommersche Zeitung
Wiederabdruck in: Georg Sonnenburg, "Damals im Kreis Bütow" Frankenberg 1991, S. 101-106


Der Geisterhund vom Gillingsee

Am Gillingsee ging es um. Die meisten hatten zwar weniger gesehen als gehört, aber immerhin. Von einem riesigen schwarzen, glühäugigen Hund war die Rede, der dort nächtens kettenklirrend sein Unwesen treiben sollte. Ein gewaltiger Köter, bei dessen Anblick allein einem schon das Blut in den Adem erstarrte - wie behauptet wurde. Meist waren es "Spätheimkehrer" aus Neu Bütow, die von feuchtfröhlichen Ausflügen aus Pomeiske kamen, und so war es kein Wunder, daß sie oft nicht jenes Gehör fanden, das sie erwartet hatten.

Dabei war das eigentlich verwunderlich, denn daß am Gillingsee nicht alles mit rechten Dingen zuging, war nämlich weit und breit kein Geheimnis. Schon aus der Frühzeit kam die Kunde, daß einst eine Insel in dem Gewässer gewesen wäre, auf der die Wenden heidnischen Göttern geopfert hätten. Irgendwann sei diese Insel dann mitsamt dem gewaltigen Opferstein in den Tiefen des Gillings versunken, vom Findling gewissermaßen auf den Grund des Sees gezogen.

Seit dieser Zeit ertrank, es mag absonderlich klingen, jedes Jahr ein Mensch im Gilling. Die Anwohner hörten schon am merkwürdigen Rauschen der Wellen, wann der Zeitpunkt wieder gekommen war und mieden dann die glasklaren Fluten. Während die einen dieses Geschehen dem erzürnten Wendengott zuschoben, führten es andere auf eiskalte Quellen im See zurück und redeten deshalb auch schlankweg bloß von einem Unglücksfall, wie er eben dann und wann beim Baden vorkommt.

Immerhin gab es nicht gerade wenige Badegäste, die von der Terrasse des Ausflugslokales herab bei Kaffee und köstlichem Kuchen ungefähr mit solchen Augen auf die Wellen des Gillings hinunter blickten, wie es zahlreiche Touristen am berühmten Loch Ness bezüglich "Nessies" tun. Und es gab immer wieder irgend jemand, der im unruhigen Wellenspiel des Sees etwas zu erkennen glaubte, was dort nach seiner Auffassung einfach nicht hingehörte.

Ganz genau wußte es übrigens Lemkes Erna, die von einer ihrer allwöchentlichen Bütow-Touren ganz aufgelöst nach Hause kam und berichtete, im Mittagsglast mitten im See jene längst versunkene Sageninsel gesehen zu haben, von der zu allem Überfluß auch noch Rauch aufgestiegen sei. Nun wollte auch Albrechts Max, ohnedies mit den Jenseitigen in einem besonderen Verhältnis stehend, nicht länger schweigen und er tat kund, an einem frühen Sommerabend in der Bucht nahe der Chaussee eine leibhaftige Nixe ("sone richtije mit'm Schwanz") munter umherschwimmend gesehen zu haben. Aber das war noch nicht alles, denn jetzt wußte auch Potratzens Theder von einem Erlebnis am Gilling, das er an einem Johannistag um die Mittagszeit gehabt und bei dem aus der Tiefe des Sees herauf Glocken geläutet hätten.

Diese und noch manche andere Geschichte machten nun die Runde und jetzt kamen auch noch die Begegnungen mit dem riesigen Köter dazu, und den Leuten um den See herum wurde bei diesen Erzählungen einmal mehr bewußt, daß der Gilling für sie schon immer so etwas wie ein Zaubersee gewesen war.

Eines Abends im November gab auch Jägerotte ein Erlebnis preis, das er einige Zeit wie eine schwere Bürde mit sich herumgeschleppt hatte, weil er sich nicht recht getraut hatte, mit der Sprache herauszukommen. Gar zu absonderlich erschien ihm selbst das, was er dennoch mit eigenen Augen gesehen hatte....

So begann er zuerst auch stockend und sich immer wieder scheu am Tisch umblickend zu reden und erntete, wie nicht anders zu erwarten gewesen war, zuerst nur spöttische Blicke. Besonders Kebschulls Herbert aus Neu-Bütow erwies sich als ein ernst zu nehmender Gegner jeglicher Spökenkiekerei, und er bekam reichlich Unterstützung von seinen Nachbarn Scheunemann und Dobersalske. Einmal in Fahrt gekommen, ließ sich Jägerotte allerdings nicht mehr bremsen und erzählte seine haarsträubende Geschichte zu Ende, die sich folgendermaßen anhörte:

An einem schönen Junimorgen sei er früh von der Bockjagd gekommen und habe den schmalen Richtweg am Gilling entlang genommen, von dem es schon immer geheißen hatte, daß es dort nicht geheuer sei. Ohne an Böses zu denken, sei er dahingeschlendert und habe ein Liedchen gepfiffen, als er am Weg voraus einen mächtigen Hund stehen sah, der "pickschwart un so chrot as'n Wulf" gewesen wäre. Als schabernacks veranlagter Mensch habe sich Jägerotte an das Tier herangepirscht, um ihm einen gehörigen Tritt ins verlängerte Rückgrat zu versetzen. Nahe herangekommen, hätte er schon das Bein zum Tritt angehoben, als ihm alles Blut zum Herzen geschossen sei, während ihm zugleich eine Faust die Kehle zugedrückt habe: Er habe nämlich im selben Moment bemerkt, daß der Köter gar keinen Kopf hatte. Da habe er, der sich sonst weder Tod noch Teufel fürchtete, den Fuß sinken lassen und Fersengeld gegeben, daß die Flinte auf seinem Buckel bloß so hin und her geflogen sei. Vor der nächsten Kurve habe er sich trotzdem noch mal umgeblickt und festgestellt, daß der Hund ohne Kopf immer noch am selben Fleck verharrte. Daraufhin hätte er seine Eile nur noch verdoppelt, wie ihm wohl jeder nachempfinden könne. "Un wat seggst du Klaugschieter nu?" wandte er sich an Kebschull, als er geendet hatte, diesen streitsüchtig ansehend: "Schlecht to segge... ", murmelte der und sah unbehaglich seine beiden Nachbarn an. Immerhin galt Jägerottos Wort bei ihnen allen etwas. "Ja, wat sall ma dortau all segge", meinte auch Dobersalske und kratzte sich ausgiebig den Hinterkopf. Diese Antworten befriedigten Jägerotte ganz und gar nicht, zumal Kebschulls Herbert schon wieder sein spitzbübisches Lächeln aufgesetzt hatte, das seine Zweifel deutlich erkennen ließ. So bezahlte der Nimrod mürrisch seine Zeche und schob wortlos in die nebelverhangene, düstere Nacht hinaus. "Dat emm ma nich wedder de ull Töl öwere Wegg löppt", spöttelte Kebschull, als sich die Tür hinter dem Waidmann geschlossen hatte.

Die Mitternacht wer nicht mehr fern, als sich auch die drei Neu Bütower auf den Heimweg machten. Obwohl sie von ihrer Stammkneipe bei Kopelke in Sepnitz einen geraden Weg nach Hause gehabt hätten, sahen sie plötzlich nach einiger Zeit in der Finsternis die weite Fläche des Gillingsees zwischen den Bäumen aufschimmern und stellten fluchend fest, daß der voranschreitende Scheunemann sich verlaufen hatte.

Vermutlich waren daran die vielen Klaren schuld, die er an diesem Abend hinter die Binde gekippt hatte. So bogen sie akkurat in jenen Richtweg ein, auf dem Jägerotte sein merkwürdiges Erlebnis gehabt hatte, was jedem von ihnen sogleich in den Sinn kam und was auch der Anlaß dafür war, daß ihre bis dahin muntere Unterhaltung sich auf einmal nur noch recht schleppend bewegte und endlich ganz verstummte. Die alten Kaddiks sahen auch gar zu gräulich aus, ganz zu schweigen von dem dauernden Entengeplärre, das durch die sonst totenstille Nacht vom See herüber schallte. "Bloß weg von hier!" dachte Dobersalske und setzte sich an die Spitze. Er hatte dem Gillingsee sowieso noch nie über den Weg getraut. Und Scheunemann wäre, wenn er ganz ehrlich zu sich war, auch lieber ein paar Kilometer von hier weg gewesen. Solcher Art von Gedanken schienen Kebschull ganz und gar nicht zu plagen, denn er brummelte so etwas wie ein Liedchen vor sich hin, so gut und so schlecht, wie er es eben verstand. Da verhoffte Dobersalske unvermittelt und drehte sich erschrocken um, und im selben Augenblick hörte es auch die beiden anderen von vorn herankommen: Kettenklirren nahte in mächtigen Sprüngen der Geisterhund, von dem sie soviel gehört und an den sie dennoch nicht hatten glauben wollen. Und da lohte auch schon ein gespenstisches Licht im Walde auf! -

Um dieselbe Zeit etwa, als die drei Männer bei Kopelke aufgebrochen waren, beratschlagte eine Anzahl Heranwachsender auf der, Dorfstraße von Neu-Bütow, wie dem bissigen Köter von Thiemanns ein Denkzettel zu verpassen sei. Der Hund, der ihnen allen schon manchesmal auf den Trab geholfen hatte, war nachts zwar angebunden, aber keiner hatte den Mut, sich an ihn heranzuwagen. Endlich hatte Zimmermanns Emil, der Jüngste in der Runde, eine Idee, die allgemeinen Beifall fand. Er verschwand und kam nach kurzer Zeit mit einem mit Benzin getränkten Lappen zurück, den er wortlos seinem Busenfreund Fritz überreichte. Solchermaßen herausgehoben aus der schweigenden Menge, blieb diesem gar nichts anderes übrig, als sich auf Thiemanns Hof zu schleichen, wo der fuchtige Fidu ihn schon vor seiner Bude mit giftigem Knurren zähnefletschend erwartete. Fritz steckte den Lappen an, verbrannte sich folgerichtig die Finger und warf die Fackel blitzschnell auf den Hund, der heulend in seine Bude flüchtete. Die auflodernden Flammen scheuchten ihn aber gleich wieder heraus, und er warf sich so machtvoll in die Kette, daß die schon altersschwache Bude barst und er mit einem morschen Brett mitsamt dem brennenden Lappen daran wie eine Furie die Dorfstraße hinunter rannte. Die vor Begeisterung über den gelungenen Schabernack johlende Jungschar sah ihn über die plattgefrorenen Felder mit einem Feuerschein in Richtung Gillingsee verschwinden und im Walde untertauchen. -

Der ungläubige Kebschull stieß einen lauten Schrei aus, als er vor rötlichem Feuerschein einen gewaltigen Hund heranhetzen sah, der kettenrasselnd an ihnen vorbeihastete und in Sekundenschnelle hinter der nächsten Biegung verschwunden war. Nur ein abscheuliche Brandgeruch stieg ihnen noch in die Nasen und erinnerte daran, daß sie keine Sinnestäuschung erlebt hatten. Kein Zweifel - da konnte nur der Geisterhund gewesen sein, von dem schon soviel die Rede gewesen war! Er mußte geradewegs aus der Hölle gekommen sein.

Scheunemann faßte sich zuerst und murmelte mit aufeinanderschla enden Zähnen: "Hebb ü emm - uck seine ... ?" "Jo, ick sach emm uck", bestätigte Dobersalske, dessen Stimme wie gesprungenes Glas klang. Kebschulls Herbert stand, immer noch zu keiner Äußerung fähig, da und kaute auf seiner Unterlippe herum. Ausgerechnet ihm, der niemals an Geister geglaubt hatte, mußte so etwas passieren. Aber was man mit eigenen Augen sieht, das muß man wohl glauben. So brummte er endlich etwas, das sich wie "kann ma nuscht nich moke" anhörte, vor sich hin und hüllte sich danach erneut in Schweigen. Doch dann reckten Scheunemann und Dobersalske abermals die Hälse und spitzten die Ohren, aber die beruhigten sich gleich wieder, denn das neue Geräusch waren bloß Kebschulls Zähne, die so laut aufeinander schlugen, daß es sich wie Hagelkörner gegen eine Fensterscheibe anhörte... Sie rührten sich eine ganze Weile nicht vom Fleck und lauschten unschlüssig in die undurchdringliche Finsternis hinein, aus der immer noch kein anderes Geräusch zu ihnen drang, als das abscheuliche Plärren der Wildenten. Oder war es womöglich gar kein Entengeschrei...?

Scheunemann war auch jetzt wieder der erste, der sich ermannte und energisch einen Schritt vorwärts machte. Sie atmeten alle drei erleichtert auf, als vor ihnen die trauten Lichter des Dorfes aufschimmerten. Ganz beruhigt waren sie aber erst in dem Augenblick, als jeder von ihnen die Haustür hinter sich zugemacht hatte.

Thiemanns Fidu kam erst am nächsten Abend ganz verstört zurück, die Kette und das Brett noch immer am Hals und kroch bis zum nächsten Morgen in den Strohhaufen hinter der Scheune. Sein Schwanz ,war ganz schön angesengt, und die Leute wunderten sich fortan, warum er plötzlich so friedlich geworden war.


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