Damals im Kreis Bütow. Geschichten aus dem Kreis Bütow von Georg Sonnenburg © 1991-2001
Erstveröffentlichung in: Die Pommersche Zeitung
Wiederabdruck in: Georg Sonnenburg, "Damals im Kreis Bütow" Frankenberg 1991, S. 71-74


Drei Salven für Harras

Als Senkels Harras starb, herrschte Staatstrauer. Nicht im ganzen Reich, das wäre übertrieben gewesen, wohl aber im Vorwerk Zeromin und dort ganz besonders im Forsthaus. Harras war ein Deutsch-Drahthaar-Rüde von vorteilhaftem Aussehen und besonderen Tugenden gewesen, dem gewissermaßen bloß noch die Sprache gefehlt hatte. Wen wundert es da noch, daß ihm sein Herrchen, der Gutsförster Senkel, bittere Tränen nachweinte und mit Gott und der Welt haderte. Dabei war Harras immerhin vierzehn Jahre alt geworden, hatte also für Hunde ein geradezu biblisches Alter erreicht, aber das änderte nichts an Senkels herben Schmerz.

Was dem alten Herrn den Abschied von dem treuen Tier ganz besonders bitter machte, war die Tatsache, das Harras ihm zweimal das Leben gerettet hatte. Einmal hatte auf der Schweißfährte eine grobe Sau den Förster aus dem Hinterhalt angegriffen und zu Boden geworfen, wo sie wutschnaubend über ihn hergefallen war. Wäre der wackere Harras ihm nicht zu Hilfe gekommen, es wäre damals aus gewesen mit ihm. So kam er mit einem angeflickten Bein und dem gehörigen Schrecken noch einmal davon, und die Sau war tot auf dem Platz geblieben. Beim zweitenmal war es zwar weniger dramatisch, deshalb aber keineswegs weniger gefahrvoll zugegangen. Bekanntermaßen kippte Senkels Franz, wie die meisten Jagdgenossen übrigens, keine vollen Gläser um. Bei der Heimkehr von einem gewaltigen Schüsseltreiben am Schloßberg entlang war er in einer kälteklirrenden Winternacht im Schnee auf dem Bahndamm ausgerutscht und so unglücklich auf die Schienen gefallen, daß er ein Bein gebrochen hatte und nicht mehr von der Stelle kam. Bei dem herrschenden Frost wäre es nur eine Frage weniger Stunden gewesen, bis der Tod den Nimrod heimgeholt hätte, aber da war es wieder Harras gewesen, der Freund Hein einen Strich durch die Rechnung gemacht hatte. Er war nach Hause gelaufen und hatte an der Haustür so lange gekratzt und gewinselt, bis die Försterfrau aufgewacht war und die Situation schlagartig überblickt hatte. Gemeinsam mit dem eilends geweckten Hofmeister Nitz, ihrem Hausnachbarn, war sie dem aufgeregten Harras gefolgt, und sie hatten den schon halberfrorenen Grünrock gerade noch rechtzeitig in die lebenspendende Wärme heimholen können.

Und nun war Harras den Weg alles Irdischen gegangen und hatte sein Herrchen allein gelassen. Senkels Franz war ein Mann, der im allgemeinen mit beiden Beinen fest auf der Erde stand, aber dieser Situation zeigte er sich nicht gewachsen. Was sollte er ohne seinen geliebten Harras anfangen? Eine Frage, die nur schwer zu beantworten war. Nachdem sich der Förster einigermaßen gefaßt hatte, dachte er über eine würdige Bestattung seinen Jagdkameraden nach, und er hatte zunächst die feste Absicht, ihn auf dem Kirchhof dort beizusetzen, wo er selbst einmal ruhen wurde. Seine Frau hatte große Mühe, ihm dieses Vorhaben auszureden. Aber was dann? Es kam gar nicht in Frage, den treuen Hund irgendwo am Waldrand zu verscharren, wo ihn dann womöglich irgendein gefräßiger Fuchs ausrodete und ihn auf seine Weise endgültig bestattete.

Senkel überlegte lange und gründlich und kam erst nach einem ausgiebigen Gespräch mit Revierförster Borraß, seinem Jagdnachbarn, zu einem gültigen Schluß. So trafen sich denn drei Tage nach Harras' Ableben an einem kalten Novembertag, als die Sonne nur ab und zu mal durch den Hochnebel brach, sieben würdige Herren auf der Kuppe des Schebschen Bergs, alle der Begebenheit entsprechend gekleidet, um Harras die letzte Ehre zu erweisen. Diesen erhabenen Ort hatte Senkel deshalb ausgewählt, weil der treue Hund von da oben den weitesten Ausblick hatte.

Auf einer kahlen Stelle, die im Frühling den Auerhähnen als Balzplatz diente, inmitten einer dichten Fichtenschonung, war Harras in einem Kindersarg aufgebahrt mit reichlich Tannengrün unter seinem struppigen Haupt. Senkel hielt eine ans Herz greifende Trauerrede, bei der er immer wieder mit zitterndem Kinn abbrechen mußte, so nagte auch jetzt wieder der große Schmerz an ihm. Alle Anwesenden hatten feuchte Augen. Es waren die Revierförster von Eichenau und Reiherhorst, Borraß und Utech, die Jagdpächter von Bresinke und Klößen, Sonnenburg und Wittke, ein schwedischer Jagdgast aus Jerskewitz namens Letander und Senkels Franz mit seinem besten Freund, dem pensionierten Hegemeister Ferch. Herr Letander, der sich beim Gutsbesitzer aufhielt und der von Senkel oft ins Revier begleitet worden war, sah dem absonderlichen Treiben seiner deutschen Jagdgefährten zuerst abwartend zu, bekam aber allmählich Gefallen daran und teilte dann sogar die tiefe Rührung der anderen, wie an seinem unaufhaltsamen Tränenstrom deutlich zu erkennen war. Nach Senkeis ergreifenden Worten hob Borraß das Waldhorn und sandte das Halali in den stillen Wald hinein, während die als besonders verschwiegen geltenden Waldarbeiter Dobersalske und Schlottke den Sarg zumachten und danach ins Grab absenkten. Anschließend erteilte Utech ein scharfes Kommando und die Nimrode nahmen beiderseits der offenen Grube Aufstellung. Nachdem sie ihre Flinten von der Schulter genommen hatten, befahl er weiter: "Laden!" Und als das geschehen war: "Legt an! Gebt Feuer!" Die erste Salve krachte und noch zwei weitere folgten, wie es sich in einem solchen Fall nun mal gehörte. Dann schaufelten die Waldarbeiter hastig das Grab zu und eilten gemeinsam mit Senkel, der bei ihnen verharrt hatte, hinter den anderen her den Berg hinunter. Sie strebten alle "Borks Krug" in Lupowske zu, in den Senkel zum "Fellversaufen" eingeladen hatte.

Und weil er sich nicht lumpen ließ, schlug die anfangs bedrückte Stimmung rasch um und nach dem üppigen Schweinebraten und einigen Verdauungsschnäpsen schallten bald frohe Jagdlieder durch die Schankstube, in der die alte Wirtin häkelnd hinter der Theke saß und sich leise mit ihrer blonden Tochter Frieda unterhielt. Als sie den Marsch Weidmannsheil sangen, da kriegte Senkel ganz blanke Augen, wußte er doch genau, daß sie es zu Ehren seines Harras taten, dem sie alle zugetan gewesen waren.

Das frohe Treiben der sieben Nimrode bekamen einige andere Gäste im Krug in den falschen Hals, und so war in den nächsten Tagen die Rede davon, daß "eine hohe Persönlichkeit gestorben" wäre, und der allgemeine Verdacht richtete sich auf den Forstmeister, der wenig erbaut war, als er davon hörte.

Man trennte sich erst spät in der Nacht und als Herr Letander mutterseelenallein den einsamen Weg von Zeromin nach Jerskewitz zum Gutsschloß dahin wankte, hatte er immer wieder das Gefühl, er spüre Harras' Kopf an seinen Knien. Am nächsten Morgen war er sich seiner Sache aber nicht mehr ganz sicher. Immerhin nahm sich der Schwede vor, seine Jagdhunde, wenn's mal soweit sein würde, ebenso würdig zu bestatten, wie er es bei seinen deutschen Jagdgenossen miterlebt hatte, als sie den DD-Rüden Harras auf dem Schebschen Berg beim Herrmannshof zu Grabe trugen.


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