Damals im Kreis Bütow. Geschichten aus dem Kreis Bütow von Georg Sonnenburg © 1991-2001
Erstveröffentlichung in: Die Pommersche Zeitung
Wiederabdruck in: Georg Sonnenburg, "Damals im Kreis Bütow" Frankenberg 1991, S. 109-116


Willem, der Eroberer

Niemand kann mit gutem Gewissen behaupten, daß Schrocks Willem bei der Wahl seiner Frau das Große Los gezogen hatte. Manda war alles andere als eine Schönheit - eher das Gegenteil. Und mit zunehmendem Alter ähnelte sie mit ihren vom einst stolzen Gebiß übrig gebliebenen beiden Augenzähnen ohnehin mehr und mehr einer Bache. Nun ersetzt nicht selten ein gutes Herz oder eine milde Seele ohnehin vergängliche Schönheit, aber an diesen "inneren Werten" mangelte es Manda ganz besonders. Sie war von boshaftem Naturell und machte allen Menschen das Leben schwer, mit denen sie zu tun hatte. Ihr Vater soll ein Festmahl für das ganze Dorf gegeben haben, als sie sein Haus verließ, so groß sei seine Erleichterung gewesen.

Nun taucht zu Recht die Frage auf, ob Willem mit Blindheit geschlagen war, als er um sie freite oder ob er im Vollrausch sein Jawort vor dem Standesbeamten gegeben hatte, denn er war ein stattlicher Kerl und zudem ein wahrer Weiberheld gewesen. Zahlreich waren seine "Ehemaligen", die seiner ungewöhnlichen Manneskraft noch immer nachtrauerten - wenngleich sie darüber aus verständlichen Gründen jetzt nur noch hinter der vorgehaltenen Hand reden mochten. Manch eine von ihnen hatte sich schon als Herrin auf dem reichen Schrockhof gesehen, der seinesgleichen in der Umgebung genauso wenig hatte wie Willem als Liebhaber.

Nein, Willem hatte nicht mal im Traum daran gedacht, sein lustiges Casanovaleben gegen die Mühen und Pflichten eines Haus- und Familienvaters einzutauschen und sich mit einer einzigen zu begnügen, wo es doch so viele gab, die er beglücken konnte. Dabei hatte es unter den vielen "Ehemaligen" zwischen Wipper und Leba gar manche gegeben, mit der er sich hätte sehen lassen können. Sogar eine Dame mit Mittlerer Reife war darunter gewesen, die ihn stets zärtlich "William the Conqueror" (Wilhelm der Eroberer) genannt hatte, und die genau gewußt hatte, warum sie das tat. Und nun war dieser edle Ritter an Manda geraten, sozusagen über Nacht, an Manda, die bei ihm nicht mal zur zweiten Garnitur gehört hatte.

War Manda auch zu keiner Zeit schön oder liebreizend gewesen, in einem konnte sie es ganz gewiß mit allen Konkurrentinnen aufnehmen: nämlich mit Raffinesse und Ausdauer. Willem ahnte davon nichts, als er sich mit ihr abgab - und als er es erfuhr, da war es schon zu spät. Bei einem Stelldichein am lauschigen Jissebunksee nahe der Försterei Libienz wollte er ihr gerade klarmachen, daß es aus sei mit ihnen beiden, als sie ihm schamvoll errötend mitteilte, sie sähe Mutterfreuden entgegen, deren Verursacher er sei. "Freust di uck bitzke, Willemke?" fragte sie zu allem Überdruß auch noch. Willem stand wie vom Donner gerührt da. Und er kam in den nächsten Wochen und Monaten aus dem Grübilieren nicht heraus, wie er diesem Leidenskelch entrinnen könne. Leider aber vergebens, denn in diesem Fall arbeitete die Zeit gegen ihn und für Manda. Allmählich wurde Willems Tun ersichtlich und man begann, sich die Münder deswegen heiß zu reden. Während die einen darüber witzelten und ihm den Denkzettel gönnten, bemitleideten ihn die meisten und ganz besonders waren es seine ehemaligen "Bräute", die ihre Felle als reiche Bauersfrau wegschwimmen sahen. "Und dat von sone Ziej von Manda", jammerte es im ganzen Umkreis. Pethkes Albert, der mit seinem Freund Willem manches Tanzvergnügen unsicher gemacht hatte, wollte es schon gar nicht glauben und verlor deshalb in "Borks Krug" in Lupowske eine Flasche Sekt bei einer Wette gegen Bachers Reinhard und Cohrs Siegfried, weil die es besser wußten als er.

Mit der Heirat hatte es Willem aber nicht eilig, obwohl Manda ihn bei jedem Beisammensein dazu drängte. "Dat hätt noch Tied", pflegte er bloß zu antworten. Vielleicht geschah ja doch noch etwas zu seiner Rettung. Konnte man es wissen? In ihrer heimlichen Not steckte sich Manda hinter den Herrn Pastor, und der nahm sich Willem denn auch ganz gehörig vor. Zuerst redete er ihm gütig ins Gewissen, dann salbungsvoll und zuletzt sogar heftig, aber auch das fruchtete absolut nicht. Willem war nie in seinem Leben ein frommer Mensch gewesen und hatte um die Kirche meist einen großen Bogen gemacht, deshalb fielen die gutgemeinten Worte des geistlichen Herrn bei ihm auch nicht auf fruchtbaren Boden, sondern sie bewirkten genau das Gegenteil. "Dat ist allein mien Sach, Herr Pastor!" raunzte Willem zum Abschied und machte die Haustür hinter sich zu.

So kam es, wie es kommen mußte: Manda gebar ihr Töchterchen Gerda, ohne daß sie eine Frau Schrock geworden war. "Wenn't sien mutt, denn tohl ick ewen", brummte Willem trotzig, als ihn sein betagter Vater auf das Kind ansprach, das ja sein Fleisch und Blut sei. "Manda friej ick jenfalls nich, merkt juch dat alle!" setzte er aufmüpfig hinzu. Damit mußte sich der alte Herr zufrieden geben, ob ihm das nun paßte oder nicht.

Die nicht stattgefundene Heirat mit Manda gab allen "Ehemaligen" wieder Mut, zumal sich Willem von jetzt an ihnen wieder mit solcher Kraft widmete, daß sein Ruhm in neuem Glanz erstrahlte. Das ging eine ganze Zeit so gut - bis Willem Gewissensbisse wegen seines Töchterchens Gerda plagten und er Mutter und Kind ein paarmal besuchte. Und weil er bei diesen Besuchen nicht nur alleine nach dem Töchterchen sah, ging Manda alsbald neuen Mutterfreuden entgegen. Da mußte sogar der hartgesottene Willem nachgeben und über eine Heirat nachdenken - denn was würden die Leute sonst sagen?! Gerdachen hatte gerade ihren vierten Geburtstag gefeiert, und die Geburt ihres Schwesterchens stand kurz bevor, als Willem "seine" Manda endlich zum Standesamt führte. Eine kirchliche Trauung schlug er rundweg aus, weil er sich immer noch über "dat Jesabbel vom Herrn Poster" ärgerte.

Manda riß gleich am ersten Tag ihrer Ehe das Zepter an sich und machte aus Willem ziemlich schnell einen Pantoffelhelden. Was blieb ihm auch anderes übrig, denn gegen ihr Maulwerk waren schon andere nicht angekommen. Zwar wurde dem Ehepaar doch noch ein drittes Töchterchen geboren, aber danach zog sich Willem endgültig vom ehelichen Bett zurück und verbrachte seine Nächte auf dem Heuboden über dem Stall, wo er beim leisen Muhen der Kühe und dem verhaltenen Wiehern der Pferde von verflossenen Minnestunden träumte, die ein für allemal vorüber waren.

Doch eines Nachts kam ihm ein neuer Gedanke so verwegen, daß er sich aus den duftenden Halmen aufrichtete und sich mit der flachen Hand vor die Stirn schlug. Warum sollte es eigentlich für immer mit den Schäferstündchen vorbei sein? Gab es nicht immer noch eine ganze Anzahl "Ehemaliger"" die ihm schöne Augen machten, wenn er noch Bütow auf den Wochenmarkt kutschierte. Schnases Mariechen gehörte dazu und Rutzens Traute - und auch Kollaths Berta, die zwar schon verehelicht war, es wohl aber gerade deswegen auf ihn abgesehen hatte. Von Stund an begann Willem nun ein Doppelleben zu führen, das noch und nach zwar ruchbar wurde, aber seiner Frau verborgen blieb, wie das meistens im Leben so ist. Manda wunderte sich zwar im stillen, daß Willem sie in einer bestimmten Hinsicht radikal vernachlässigte, aber schuftete er nicht gerade in der letzten Zeit mehr als sonst auf dem Feld? Bestimmt fiel er abends immer todmüde ins Heubett. In einer lauschigen Frühlingsnacht zog es Manda dann doch einmal mit Macht auf den Heuboden zu ihrem Willem. Als sie die Leiter hinaufkletterte, klopfte ihr das Herz vor Aufregung bis in ihren wogenden Busen hinein, und sie bibberte regelrecht wie ein junges Mädchen, das ihrem ersten Liebesabenteuer entgegengeht. Nee, so wat aber uck... Auf allen vieren tastete sie sich durch die totale Finsternis des Heubodens nach dort, wo sie Willem vermutete, freute sich schon auf seine starken Arme als sie plötzlich grenzenlos enttäuscht einen lauten Schrei ausstieß. Ihr Schrei hallte so mächtig durch die stille Nacht, daß ihn der olle Pethke hörte, der vor seiner Haustür stand und nach den Sternen guckte und bei sich dachte, daß Willem endlich mal seinem bösen Weib den Hintern versohlt hätte.

Pethkes Vermutung trog indes gewaltig, weil Manda nämlich auf das leere Heulager gestoßen war und daraus folgerichtig schloß, daß sich ihr Willem auf Abwegen befand. "Teif eis, du ull Hund du!" knirschte die zwischen ihren beiden Hauern hervor, "teif eis", fuhr sie bissig fort, "du kimmst mi all wedder no Hus, du ull Schubiak du!" Manda machte sich auf eine lange Nacht gefaßt, und weil sie den Zeitpunkt von Willems Rückkehr auf keinen Fall verschlafen wollte, hastete sie in die Küche zurück und kochte sich einen mächtigen Topf Bohnenkaffee, den sie glühendheiß in die Emaillemilchkanne schüttete. Wenig später kehrte sie mit der Henkelkanne in der Hand auf den Heuboden zurück und fing gleich an, einen Deckel voll Kaffee nach dem anderen zu schlömern. Ab und zu tastete sie nach dem derben Holzknüppel, den sie für die Abrechnung mit Willem mitgebracht hatte und grunzte jedesmal befriedigt, wenn sie das dicke Holz befühlte. Damit wollte sie ihrem untreuen Kerl eins über den Dassel ziehen, daß er die Engel im Himmel singen hören würde! Sie freute sich schon auf die gewaltige Beule auf seiner angehenden Glatze, die ihn für die nächste Zeit verunzieren und zum Gespött der Nachbarn machen sollte. So vergingen die Stunden und Manda fand, daß es allmählich Zeit wurde, daß "diss ull Kirl" nach Hause kam. Tatsächlich näherte sich Willem zu dieser Stunde auf dem schmalen Waldweg vom Pomeisker Abbau zur Neuen Brücke auf seinem Fahrrad. Er hatte mehr als die halbe Nacht in den zarten Armen von Paula, seiner neuesten Errungenschaft zugebracht und war jetzt rechtschaffen milde. Zu Hause stellte er den Drahtesel still und leise in den Holzschuppen und kletterte danach ahnungslos die Leiter zum Heuboden empor. Doch auf der letzten Sprosse verhoffte er jäh, weil ihm dort Kaffeeduft entgegengeweht war. Bohnenkaffee in der Nacht auf dem Heuboden das ging nicht mit rechten Dingen zu, wo Manda mit dem kostbaren Naß sonst doch immer so geizte. Es fiel Willem wie Schuppen von den Augen, und er lauschte mit angehaltenem Atem in die Finsternis hinein. Nichts! Kein einziger Laut war zu vernehmen. Aber das Manda da war und auf ihn wartete, daran gab es keinen Zweifel, und so machte er schleunigst kehrt und pirschte sich wie ein Indianer auf dem Kriegspfad über den Hof ans Haus heran. Die Tür ließ er hinter sich einen Spalt weit offen, damit das einrostende Schloß ihn nicht verriet. In der so lange gemiedenen Schlafstube riß er sich die Kleider vom Leibe, behielt die Strümpfe sogar an und hechtete dann mit einem Satz in den Federberg. Obgleich er todmüde war, ließ ihn die Aufregung nicht gleich einschlafen, außerdem rechnete er jede Sekunde mit Mandas Auftauchen.

Dann mußte er aber doch eingenickt sein, weil ihn nämlich plötzlich eine kreischende Stimme aus süßem Traum schreckte, in dem Rutzens Trautchen die Hauptrolle gespielt hatte. Willem schoß im Bett hoch und sah im bleichen Licht des jungen Morgens mitten in der Stube Manda stehen, die drohend einen dicken Holzknüppel schwang und übernächtigt aussah. "Wo kimmst du verflucht ull Hund her?" wiederholte sie, wenn möglich noch lauter als zuvor, während ihre Augen Blitze schossen. Es verstrichen mehrere Sekunden, bis Willem Traum und Wirklichkeit unterschied, dann aber reagierte er erstaunlich sicher und entgegnete spöttisch: "Dat frog ick di, Manda. Wett de Düwel, wo du di rumdräwe hest de chanz Nacht lang." Er musterte sie kühl von oben bis unten und setzte hinzu: "Ick lach hier un hebb up di teiwd un du wärst wer wett wat wo. Da kann ma sick veel bi dinke, kann ma sick." Er schüttelte mit gutgespieltem Unverständnis den Kopf. Seine böse Unterstellung brachte Manda vollkommen aus der Fassung. Sie ließ den Knüppel fallen und zog die Schultern hoch, während sie verlegen meinte: "Wat du glick dinke deist, Willemke. Ick wull di doch ma blot öwerrasche, und so sach ick, dat du nich bowen wärst ... " Sie brach ab, weil sein spöttischer Blick sie immer mehr imitierte. "So, so öwerrasche wullst du mi", stellte Willem daraufhin fest, der von der Wirkung seiner Worte am meisten beeindruckt war. Um den Bogen nicht zu überspannen, fügte er versöhnlich hinzu: "Denn frog ick mi, worüm du de chanz lang Nacht bowen bläwen bist ... " Manda wurde unter seinem forschenden Blick immer unsicherer und wagte gar nicht erst zu fragen, wo er sich aufgehalten hätte, als sie ihn auf dem Heuboden gesucht hatte. "Wie man einem Menschen doch unrecht tun kann", dachte sie bekümmert und sagte laut: "Ick dink mi, dat et beter ward sinn, wenn wi nu weder tosamen schlope daune, denn kimmt so wat irst gor nich mehr vör. " Willem wußte, daß er mit der Zustimmung alle weiteren Seitensprünge unmöglich machen würde, aber er nickte dennoch und erklärte: "Dat ward woll dat best sinn, manich." Er fühlte sich nach dem Lotterleben in der letzten Zeit sowieso ganz ausgemergelt. Lange hätte er das nicht mehr durchgehalten.


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