Weitere Geschichten aus dem Kreis Bütow von Georg Sonnenburg © 1986-2004
Erstveröffentlichung in: Die Pommersche Zeitung vom 18.6.1994


Im Adamskostüm

Der Tag war noch jung, als Wolskes Erwin, von Groß Pomeiske kommend, die Chaussee in Richtung Neukrug entlang ging und sich an dem vielstimmigen Vogelgesang erfreute, der überall aus Büschen und Bäumen an sein Ohr drang. Zugleich erbaute sich sein Auge an der bunten Wiesenlandschaft zu seiner Rechten, wo sich die Pomeisker Mühle in eine langgestreckte Bachlandschaft schmiegte, hinter der sich wellige Felder mit Kartoffeln, Roggen und Hafer, unterbrochen von einzelnen Kiefernwäldern, bis an die polnische Grenze erstreckten.

Erwin, seines Zeichens Schweizer auf dem Rittergut des Grafen v. Dürkheim in Jassen, hatte schon in der Herrgottsfrühe seinem Kollegen auf dem Gut Herrn v. Schwerdtners einen Besuch abgestattet und mit diesem lange darüber gesprochen, wie er am besten gegen jenes „Rotnässen“ seiner Kühe vorgehen solle, das sich einige Tiere beim Weiden im Wald zugezogen hatten. Bei einer halben Flasche Korn hatte ihm Patzlaff sein Geheimrezept verraten, so daß Wolske mit großer Zuversicht den Heimweg angetreten hatte.

Als Erwin am Krug vorbei kam, der in Neukrug direkt an der Chaussee lag, war er nahe daran einzukehren, doch dann fiel ihm Rittmüllers Marie ein, die er beim letzten Tanz kennengelernt hatte, die beim Bauern Lehmann in Lupowske diente und der er einen heimlichen Besuch abstatten wollte, deshalb entschloß er sich, keinen Frühschoppen zu nehmen, zumal ihm der genossene Schnaps noch ganz schön zusetzte.

Von Neukrug folgte Erwin der Bahnlinie in Richtung Station Jassener See, die mitten im Wald lag und vor der ein schmaler Weg zum Lehmannschen Hof am Jassener See abzweigte, den er zu nehmen gedachte. Unvermittelt tauchte aus dem Kieferngehölz vor ihm der kristallklare Mutschidor auf, der bis an die Bahn heranreichte und dessen türkisfarbenes Wasser ihn bei dem herrlichen Sonnenschein zu einem Bad einlud. Was tat es, daß er keine Badehose dabei hatte - an diesem abgeschiedenen Ort stand nicht zu befürchten, daß ihn jemand beobachtete oder gar an seinem Verhalten Anstoß nahm. Erwin stieg also vom Bahndamm hinunter, zog hinter einem Kaddickstrauch seine zertretenen Schuhe aus, legte Hemd und Hose sorgfältig daneben und glitt gleich darauf ins erfrischende Naß, dessen Kühle ihn wie ein Walroß aufschnaufen ließ.

Da Wolske recht gut schwimmen konnte, kraulte er ans gegenüberliegende Ufer und legte sich dort ins Heidekraut, dem Gesang der Heidelerchen lauschend, die über ihm am Blauhimmel hingen. Ganz unmerklich fielen ihm die Augen zu, und als er wieder wach wurde, stellte er überrascht fest, daß die Sonne dem Zenit nicht mehr fern am Himmel stand.

„Dunner Düwel ober uck!“ fluchte Erwin und machte schleunigst, daß er wieder in den See kam. Er kraulte abermals tüchtig, und schon wenig später stieg er triefend bei dem Kaddickbusch aus dem feuchten Element. Dann blieb er aber wie vom Donner gerührt stehen, denn außer seinen uralten Tretern war von seiner Kleidung nichts mehr zu sehen. Zuerst glaubte er an einen Scherz und rief laut nach dem vermeintlichen Unnosel, er solle ihm seine „Klamotten“ zurückbringen, „ober bitzke dalli“, doch im weiten Kiefernwald meldete sich außer dem Raunen der Bäume nichts. Erst jetzt fiel Erwin jene Zigeunersippe ein, die seit Wochen die Gegend unsicher machte, und er ahnte böse Zusammenhänge.

„Wat nu ober... ?“ Er stand mit hängender Nase da und überlegte angestrengt, wie er nach Jassen kommen könne, ohne im Adamskostüm anzuecken. Eine befriedigende Lösung fiel ihm aber nicht ein.

So machte er sich endlich mit den alten Schuhen als einzigen Kleidungsstücken auf den Heimweg, peinlich darauf bedacht, keiner Pilze- oder Beerensammlerin zu begegnen, von denen immer irgendeine im Wald herumbiesterte. Das war besonders sonntags der Fall, also wie heute.

Der Bahnlinie folgte er auch weiter, wenn auch nicht mehr auf dem Damm selbst, sondern nebenher im Wald auf dem Brandweg. Zu allem Überfluß lockte seine Blöße ungezählte große und kleine Bremsen an, die ihn ständig umsurrten und gegen die ausgeteilte Schläge wenig ausrichteten, denn er wurde an Brust und Rücken übel zerstochen, so daß er bald wie ein leibhaftiges Warzenschwein aussah.

Und dann sah er sich jäh dem Revierförster Borraß gegenüber, der das Gestell vom Schebschen Berg herunter kam und der ungläubig die Augen aufriß, als er den Nackedei auf zwanzig Schritte vor sich aus dem Wald kommen sah. Ehe der kurzsichtige Grünrock sich von der ersten Überraschung erholt und den Feldstecher hochgerissen hatte, war Erwin längst im Kusselgewirr verschwunden und hetzte wie ein flüchtiger Hirsch durchs Gestrüpp, der trockenen Zweige nicht achtend, die seinen nackten Körper gründlich zerschrammten. Ein Glück nur, daß er die Schuhe behalten hatte, sonst hätten ihn die vielen am Boden liegenden sperrigen Schuschken zur Verzweiflung gebracht, die bei jedem Schritt krachten und splitterten. Borraß hinter ihm schritt an der Bahn entlang Richtung Heimstatt, grunzende Selbstgespräche führend, die die Schlechtigkeit der heutigen Welt zum Inhalt hatten.

Kurz vor der Feldkante bei Lupowske ließ ein spitzer Schrei in unmittelbarer Nähe Erwin das Blut in den Adern gefrieren. Undeutlich sah er einen Weiberrock hinter einem riesigen Kaddick verschwinden, danach verriet nur noch brechendes Zweigwerk den Fluchtweg der entsetzten Pilzesammlerin.
Das hatte noch gefehlt! Bestimmt rannte die Frau jetzt nach Hause und alarmierte das ganze Dorf. Erwin sah sich schon mit puterrotem Kopf vor dem Gendarmen stehen, der ihn nicht nur restlos „zur Sau“ machen, sondern auch noch wegen „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ anzeigen würde. Unausdenklich diese Schande, wenn der Herr Graf davon erfuhr...

In wirren Gedanken überquerte er den Verbindungsweg von Lupowske nach Neukrug und wurde erst stutzig, als um ihn herum überall Grabkreuze und Denkmäler aufragten. Er befand sich mitten auf dem Lupowsker Kirchhof, der hier still und einsam im Wald lag. In seinen Schnellstart hinein, den der erschrockene Erwin über die Grabhügel hinweg einlegte, gellten gleich mehrstimmige Entsetzensschreie, die allerdings mehr an das Geplärre von Nebelkrähen erinnerten als an menschliche Lautäußerungen.

Wolske hatte mit seinem Erscheinen die olle Stoysche erschreckt, die mit ihrer Nachbarin, der ollen Koschnickschen, die Gräber ihrer verblichenen Ehemänner begossen hatte. Daß die Dorfseele in allernächster Zeit buchstäblich kochen würde, das stand jetzt fest, deshalb rannte Erwin noch schneller den Hang zum Jassener See hinunter, wo er an einem einsamen Angler vorbei, der seinen Augen nicht traute, kopfüber ins Wasser hechtete. Er schwamm ein beträchtliches Stück unter Wasser hinaus und tauchte erst auf, als die Doppelinsel nicht mehr fern war. Im ersten Impuls schwamm er auf die Insel zu, besann sich dann aber, daß der Graf nicht gerade selten mit seinen Gästen ausgerechnet auf der Doppelinsel ein Sommerfest feierte.

„Bloß weg von hier!“ keuchte Erwin und malte sich unwillkürlich aus, was geschähe, wenn er im Adamskostüm mitten in die gräfliche Gesellschaft hineinplatzte. Ihn peinigten schlimme Befürchtungen...

Er schwamm deshalb in großem Bogen an der Jugendherberge vorbei, wo auch an diesem herrlichen Sommertag wieder eine ansehnliche Zahl junger Leute von nah und fern dem Badesport nachging und von denen ihm einige ein paar harmlose Scherzworte zuriefen, nach denen ihm ganz und gar nicht zumute war. Weg, bloß weit weg...

Er umschwamm auch die große Badebucht bei Lupowske, in der nur ein paar harmlose Kinder herumplanschten, und wurde das ungute Gefühl nicht los, daß Bauer Herrn-Pollack, der auf seinem Bootssteg stand und ihm nachspähte, irgend etwas von seiner Pein mitgekriegt hatte. Trau, schau, wem...

Endlich hatte er den Ort hinter sich gelassen und atmete schon heimlich auf, als er auf nächste Distanz „seine Marie“ gewahr wurde, die mit ihrer Freundin Meta sonnenbadend unter Erlen am Seeufer lag und genau so nackt war, wie Gott sie geschaffen hatte. Gleich gesellt sich ja gern zu gleich, aber nicht in diesem Fall, denn Erwin machte, daß er schleunigst weiter kam. Zum Glück wurden die laut kreischenden Mädchen ihn erst gewahr, als sie ihn nicht mehr erkennen konnten.

„Son ull Schwin!“ hörte er sie schimpfen. „Nee, wat et hüttodog doch för Schubiaks gewe deit...“ Das Weitere hörte Erwin nicht mehr, weil er abermals untergetaucht war.

Ein Stück vor Lehmanns Abbau schwamm er wieder auf das Ufer zu, das an dieser Stelle menschenleer war, so daß Erwin sich mit letzter Kraft unter die Erlen schleppen konnte. Von dort aus argwöhnte er eine ganze Weile umher und pirschte sich endlich an eine Wildscheuche heran, die unweit in einem Katoffelfeld stand. Ohne Zaudern“ entkleidete“ er die Scheuche und streifte die zerschlissenen Sachen an, froh darüber, daß auf dem Holzkreuz auch noch ein alter Hut thronte.

Niemand beschreibt seine Erleichterung, als seine Blöße endlich wieder bedeckt war. Jetzt erst fühlte er sich wieder als Mensch und durfte es auch sein. Es störte ihn auch nicht besonders, als ihm auf der Jassener Brücke das Lehrerehepaar begegnete, das ihm absonderliche Blicke zuwarf und das seinen höflichen Gruß nur knapp erwiderte. Mochten sie von ihm denken, was sie wollten - immerhin sind abgerissene Kleider besser als gar keine.

Erwin gelangte auf Umwegen in seine Wohnung, wo er seine besten Sonntagskleider anzog und die Scheuchenkleider im Ofen verbrannte. In den nächsten Tagen verfolgte er mit unguten Gefühlen die große Aufregung, die seit Sonntag in Lupowske herrschte, weil dort „irgend so´n Rübenschwein splitternackicht im Busch“ die Frauen erschreckt hatte. Bei solchen Reden schwor Erwin sich, nie wieder ohne Badehose zu baden, mochte der See auch noch so abgelegen sein.


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