Weitere Geschichten aus dem Kreis Bütow von Georg Sonnenburg © 1986-2001
Erstveröffentlichung in: Die Pommersche Zeitung vom 28.11.1987


Das Fußballspiel

Welcher Pommer aus dem „Blauen Ländchen“ erinnert sich nicht an die Namen Klewin, Husermann, Habermann oder Marczinsky, wenn von Fußball die Rede ist? Sie alle - und noch viele andere - kamen aus Stolp, das damals hinsichtlich Fußball (wohl auch schon wegen seiner größeren Einwohnerzahl) in Hinterpommern eine wichtige Rolle spielte.

Die Idee, auch in Lupowske eine Fußballelf aufzustellen, brachte Bachers Reinhard aus Bütow mit, wo er die Aufbauschule besuchte. Mein Bruder Herbert, mit Reinhard eng befreundet, tat das übrige in Bresinke, und so sah man in dieser Zeit die heranwachsende Jugend in beiden Dörfern eifrig Fußball spielen - oder doch das, was man darunter verstand. Einen richtigen Ball hatte nämlich weder in Lupowske noch in Bresinke jemand, deshalb behalf man sich, so gut es eben ging, mit den Oberteilen abgeschnittener langer Strümpfe, deren untere Teile schon dermaßen löcherig waren, daß sie für eine Reparatur nicht mehr in Frage kamen. In diese Oberweiten wurden Lumpen gepreßt, bis sie rundliche Form annahmen, und sodann beide Enden mit Bindfaden abgebunden. Fertig war der Ball ...

Diese Provisorien kullerten zwar nicht so weit wie richtige Bälle, hatten dafür aber den Vorteil, auch nicht so hart zu sein, und das war ungeheuer wichtig, weil in beiden Dörfern Fußball barfuß gespielt wurde. Die Schuhe mußten sowieso geschont werden und Fußballschuhe kannte man nur vom Hörensagen.

Während sich in Lupowske, wie erwartet, Bachers Reinhard sowohl zum Vereinsvorsitzenden als auch zum Mannschaftskapitän aufgeschwungen hatte, war es in Bresinke anders. Hier nahm nicht mein Bruder das Heft in die Hand, sondern Brauns Walter und Rosins Willi, die Ältesten unter den jungen Männern. Mein Bruder Herbert kickte zwar auch mit, ebenso wie mein Bruder Gerhard, aber er hatte in dem Miniverein keine herausgehobene Stellung. Vorsitzender wurde nach einer hitzigen Kampfabstimmung auf Brauns Heuboden Rosins Willi, der jedem, der ihn nicht wählen würde, eine gehörige Tracht Prügel angedroht hatte. Daß die Wahl einstimmig zu seinen Gunsten ausging, stand von vornherein außer jeder Frage, galt Willi doch unter allen als der Stärkste. Er bestimmte Kraft seines Amtes seinen Busenfreund Walter zum Mannschaftskapitän. Das gab zwar böses Blut, wie sich jeder denken kann, und besonders Begerows Ella giftete sich, damals mit meinem Bruder Herbert liiert, daß dieser bei der Wahl auf der Strecke geblieben war.

Dafür rächten die beiden sich dann auf ihre eigene Art und Weise. Herbert war nämlich nicht nur Redakteur, sondern auch Herausgeber des weit über die Grenzen unseres Minidorfes bekannt gewordenen „Bresinker Boten“, jener berühmten Zeitung, die allwöchentlich einmal erschien, und zwar in einem knappen Dutzend Exemplaren, die ein DIN-A4-Blatt umfaßten. Eine größere Auflage war nicht möglich - wohl auch kaum absetzbar -, weil jedes Exemplar einzeln von Hand gedruckt werden mußte. Nur der Titel „Bresinker Bote“ prangte in riesigen Druckbuchstaben aus einem Druckkasten.

Herbert konnte das Arbeitspensum natürlich nicht allein schaffen, wie jeder nachfühlen kann, doch er hatte in seinen Brüdern Gerhard und Heinz wackere Gehilfen, ganz zu schweigen von Begerows Mädchen Ella, Ruth und Christel, die sich, ging es um den „Bresinker Boten“, geradezu aufopferten und sich regelrecht die Finger wundschrieben. Es versteht sich von selbst, daß Walter und Willi keine gute Presse hatten. Besonders fuchsten die beiden jene gelungenen Karikaturen, die mein Bruder Gerhard mit einigem Sachverstand zu fertigen verstand und die regelmäßig den „Bresinker Boten“ schmückten. Als er einmal Rosins Willi halbwegs brauchbar als Ritter mit Helm und Lanze karikiert hatte, unter deutlicher Anspielung auf dessen Hühneraugen („Es lähmt des Helden Löwenmut, wenn Hühneraugen Schmerzensglut. So wurden Ritter einst geschunden, heut' hat man Lebewohl erfunden.“), da war es mit dessen Toleranz vorbei. Er stellte Redakteur und Karikaturisten barsch zur Rede und erklärte kurz und knapp: „Wenn ji dat nich lote seiner deit, brek ick juch de Knoken kaputt. Verlot't juch drup.“

Das war klar und deutlich gesagt und wurde auch so verstanden, denn von Stund an kamen Brauns Walter und Rosins Willi im „Boten“ etwas besser weg (An dieser Stelle mag manch Politiker vor Neid erblasssen, doch ich frage: Wo bleibt da die Pressefreiheit).

Ein halbes Jahr mochte vergangen sein und in beiden Dörfern unterdessen mancher selbstgefertigte „Fußball“ zu Gramus zertreten, wie man dort sagte, als Bachers Reinhard aufgeregt von einem Fußballspiel nach Hause kam, dem er in Stolp in der Hindenburg-Kampfbahn zugesehen hatte. Das Treffen zwischen“ Viktoria Stolp“ und „Pfeil Lauenburg“ war nur knapp zugunsten der Stolper ausgegangen und ungewöhnlich spannend gewesen. Reinhard redete sogar von dramatisch, was vielleicht damit zu tun hatte, daß er knapp vor dem Abitur stand. Auf alle Fälle beharrte er darauf, endlich auch zwischen Lupowske und Bresinke ein Freundschaftsspiel zu veranstalten. Da er Brauns Walter mit seinem Bericht begeisterte, stimmte der augenblicklich zu, von Rosins Willis beifälligem Nicken unterstützt.

Beiden fiel erst ein, als Reinhard auf seinem Drahtesel längst davongestrampelt war, daß sie gar nicht in der Lage waren, aus Bresinker Jungmannen eine Elf zusammenzubringen. Da war guter Rat teuer, denn jeder Spieler sollte wenigstens achtzehn Jahre alt sein. Walter machte mit zerfurchter Stirn einen Rundgang um die beiden Teiche in Unterbresinke und ließ dabei alle jungen Männer des Dörfchens vor seinem geistigen Auge repassieren.

Willi und er, machte zwei, sein Bruder Erich (Mostrich genannt) und Lemkes Siegfried (Sichel)waren vier, Sonnenburgs Herbert und Gerhard sechs, wenn er den plattfüßigen Genzen Emil noch dazuzählte, ergab das sieben - aber dann war der Bart auch schon endgültig ab. Doch dann hellte sich sein bedrücktes Gesicht schlagartig auf, weil ihm der rettende Gedanke gekommen war: Nach oben war nämlich altersmäßig von Reinhard keine Grenze gesetzt worden!

So kam es, daß Pethkes Albert, Heinrichts Hermann und Schröders Willem auch noch unter die Kicker gehen mußten, doch trotz dieser reifen Familienväter war immer noch keine Elf beisammen. Es war zum Mäusemelken, fehlte doch immer noch ein Mann.

Nach seinem Rundgang gesellte sich Walter wieder zu Willi, und beide kamen bei ihren Spekulationen auf wahrhaft verwegene Ideen. So traten sie in den nächsten Tagen an Fenskes Willem heran, der auf dem Abbau Eichenau wohnte und die Vierzig lange überschritten hatte. Sie blitzten bei ihm aber ab, weil Willem ein offenes Bein hatte und schon deshalb zum Fußballer nicht taugte. Nicht anders erging es ihnen bei Dobersalskes Willem und Potratzen Teder aus Eichenau, die auch noch boshaft darauf verwiesen, daß die Försterei ja gar nicht zu Bresinke gehörte, womit sie im Recht waren. „Vör son'n Krom sind wi all to old“, brummelte Dobersalske am Ende versöhnlich. Er wollte es sich mit den beiden nicht ganz verderben.

Es war wirklich eine Situation, um die Walter und sein Freund nicht zu beneiden waren. Zu allem Überfluß verstauchte sich eine Woche später Genzen Emil auch noch den Fuß, womit die Situation vollkommen aussichtslos wurde. Dabei sollte das Spiel schon am kommenden Sonntag stattfinden. Bachers Reinhard hatte eine Frist von zwei Wochen gesetzt, und keinen Tag länger. „Sonst wird nie was daraus“, hatte er hinzugefügt und sich dabei des Hochdeutschen bedient, das er als Pennäler bevorzugte. Platt hatte er sich als unfein abgewöhnt.

Am Ende hat es Walter aber trotzdem geschafft, eine vollzählige Mannschaft aufzubieten. Zwar war der beinahe 60jährige olle Pethke, Alberts Vater, alles andere als ein idealer Verteidiger - aber was war zu machen? Übrigens hatte Rosins Willi dem alten Mann in „Borks Krug“ gehörig einen eingeholfen und ihm dabei das Versprechen abgenommen, beim Fußballspiel gegen Lupowske dabei zu sein. Und als Ehrenmann mochte Pethke von dieser Schnapsidee nicht abrücken. Schließlich ist man mit 58 Jahren aus dem Fußballalter schon raus. Den elften Mann holte sich Walter aus dem benachbarten Wussowske, was zwar ebenfalls nicht legitim aber sozusagen seine letzte Rettung war. Es war nicht anzunehmen, daß die Lupowsker etwas merkten. Es handelte sich um Marotzen Muffel, der altersmäßig auch schon bessere Zeiten erlebt hatte. Ihn setzte der Mannschaftskapitän gleichfalls als Verteidiger ein, weil er da nicht soviel zu laufen hatte.

Der große Tag war ein Sonntag im September, an dem die Sonne von einem makellos blauen Himmel herunterlachte. Austragungsort war die tischebene Jerskewitzer Brache nahe Bresinke, weil Lehrer Kirchoff sich geweigert hatte, „für solch blanken Unsinn“ den Schulsportplatz zur Verfügung zu stellen. Zuerst hatte er sich auch geweigert, den schuleigenen Lederball herauszurücken, das einzige Exemplar dieser Art weit und breit, aber Bachers Reinhard hatte ihn schließlich doch weich gekriegt, obgleich Kirchhoff nichts von Fußball hielt.

Als Schiedsrichter hatte sich der olle Schrock aus Lupowske zur Verfügung gestellt, dem einige Freibier Zustimmung entlockt hatten. „Sei bruke blot af und tau mol piepe“, hatte Rosins Willi aufkeimende Bedenken des alten Mannes beiseitegewischt.

Die Lupowsker Mannschaft setzte sich zusammen aus Bachers Reinhard und seinem Bruder Eugen, den Gebrüdern Max, Willi und Herbert Bork, Erich und Herbert Ziegert (Kusins, nicht Brüder), Polzins Fritz, Selkes Max und Schröders Eschke. Den noch fehlenden elften Mann hatten sich die Lupowsker ebenfalls stillschweigend aus Zeromin „geborgt“, es war Nitzens Paul, der weit und breit berühmteste Kartoffelsammler. Ein solcher Kerl mußte unzweifelhaft auch ein guter Fußballer sein.

Um die Jerskewitzer Brache hatte sich um die verabredete Zeit viel Volks versammelt. Die Bresinker standen als geschlossene Front vor „Heinrichs Hermann seiner Heide“, die die Brache nach Süden abgrenzte. Vollzählig waren auch die Lupowsker erschienen, die sich auf der gegenüberliegenden Seite vor „Schröders Busch“ postiert hatten. Nicht mal der beinamputierte Post-Herrmann hatte es sich nehmen lassen, seinem als Läufer fungierenden Nachbarn, dem langen Ziegert, zuzusehen. Verständlicherweise waren auch die meisten Zerominer und Wussowsker gekommen, und auch aus anderen Dörfern gab es ein paar Schaulustige. Schließlich hatte der „Bresinker Bote“für das herausragende Ereignis mächtig die Werbebetrommel gerührt. Eintritt wurde auch erhoben, und zwar für Erwachsene 10 Pfennig und für Kinder die Hälfte. Hervorgehoben werden muß an dieser Stelle, daß in allen Dörfern die Arbeit ruhte und die Wege vollkommen menschenleer waren. Sogar das Rindvieh mußte in den Ställen bleiben, eine wahrhaft einmalige Begebenheit.

Und dann wäre das große Ereignis um ein Haar doch noch ausgefallen, weil der olle Schrock die Trillerpfeife beim Angeln im See verbummelt hatte, die Bachers Reinhard von seinem kargen Taschengeld gekauft hatte. Reinhard war es dann auch, der die Situation rettete, indem er den Bahnhofsvorsteher von Jassener See, Zöllner, überredete , ihm die Diensttrillerpfeife zu „pumpen“. So kam es, daß Zöllner an diesem denkwürdigen Septembersonntag die Nachmittagszüge nach Bütow und Lauenburg mit seiner Trompete „abpfeifen“ mußte, was viele Fahrgäste wunderte und das Gerücht nährte, er wäre „im Dienst besoffen“ gewesen.

Ja, und dann pfiff Schrock mit der Trillerpfeife des Eisenbahners das Spiel pünktlich an und die Lupowsker Elf ging gleich in der zweiten Minute durch einen Kopfball von Polzins Fritz in Führung.Um es kurz zu machen: Die Bresinker wurden, trotz Heimvorteils, mit 23:1 vernichtend geschlagen. Den Ehrentreffer verdankten sie zu allem Überfluß auch noch ihrem „Leihspieler“ Marotz, denn Muffel nutzte die Gunst der Situation rigoros aus, zum 1:17 einzuschießen, als sich der Lupowsker Torwart Schröder nach Soldatenart zwischen zwei Fingern ungeniert schneuzte. Der Jubel der Bresinker bekam rasch einen Dämpfer, als gleich darauf Nitzens Paul zum 18:1, Bachers Eugen zum 19:1 und der lange Ziegert zum 20:1 erhöhten. Danach fingen sich die Bresinker zwar noch einmal, aber das endgültige Aus für sie kam, als der olle Pethke in der 84. Minute Platzverweis erhielt, weil er mit seinen Langschäftern, mit denen er angetreten war, Selkes Max rüde vors Schienbein getreten hatte, als der zum 21:1 ansetzte.

Grinsend und mit hocherhobenen Köpfen gingen die einen, mit zusammengebissenen Zähnen und hängenden Nasen die anderen von der Brache. Verständlich, daß die Bresinker Volksseele kochte und einen Schuldigen suchte. Sie fand ihn in ihrem Torwart Heinrichs Hermann, der ja immerhin dreiundzwanzigmal danebengegriffen hatte. Es nützte wenig, daß Hermann sich zu Recht auf seinen gleich nach dem Halbzeitpfiff gerissenen Hosengummi herausredete, der ihn gezwungen hatte, alle Abwehrparaden einhändig durchzuführen. Mit der zweiten Hand hatte er dauernd seine Turnhose festhalten müssen, um sich nicht in schamverletzender Weise den Frauen und Mädchen zu zeigen, was tödlich gewesen wäre. Aber er war als Schluckspecht bekannt, deshalb berichtete der „Bresinker Bote“ tags darauf in einer vierseitigen Sonderausgabe, die diesmal durch Pausen in sechzehnfacher Ausgabe erschien und trotzdem gleich vergriffen war (Begerows Mädchen hatten die Nacht zum Tage machen müssen), Heinrichs Hermann hätte wieder mal so einen zu sitzen gehabt, daß er immer zwei Bälle auf sich zukommen gesehen und deshalb „mittendurch“ gegriffen habe. So übertrieb die Presse auch damals schon, ähnlich wie Boulevardblätter es heute tun.

Am Ende bleibt festzuhalten, daß die Bresinker vom Fußball fortan die Nase voll hatten. Der Erlös aus den Eintrittsgeldern, ganze 8,65 RM, eigentlich für die Anschaffung eines Fußballs gedacht, wurde noch am selben Abend „versoffen“, wie freimütig gestanden wurde. Und so blieb diese denkwürdige Begegnung die einzige ihrer Art, die auf der Jerskewitzer Brache bei Bresinke ausgetragen wurde.



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