Weitere Geschichten aus dem Kreis Bütow von Georg Sonnenburg © 1986-2001
Erstveröffentlichung in: Die Pommersche Zeitung vom 20.Januar 1990


Die Prachersteine im Lupower Wald

Vor vielen Jahren ging eine Pracher-(Bettler)Familie durch den Lupower Wald, der sich kilometerweit von Norden nach Süden bis fast nach Schwarz Damerkow erstreckt. Die Zeiten waren schlecht, und so nimmt es nicht wunder, daß sich Prachermann und Pracherweib große Sorgen machten, wie sie ihre vier Kinder durchbringen sollten. Während die Eltern dasaßen, sich darüber leise unterhielten und sich die Köpfe zerbrachen, tollten ihre Kinder fröhlich im Wald umher und waren lustig und guter Dinge, wie Kinder es eben sind.

Da tauchte ganz unvermutet zwischen den Büschen eine steinalte Frau auf, die absonderlich aussah und aus diesem Grund sogleich die Aufmerksamkeit der Kinder auf sich zog. Das Ehepaar war so mit sich und seinen unerfreulichen Überlegungen beschäftigt, daß es nicht auf das lockere Treiben seiner Sprößlinge achtete, die die alte Frau mit einem Buckel und einer riesigen krummen Nase ob ihres wenig anziehenden Äußeren neckten und verspotteten. Plötzlich kamen drei der Kinder schreiend zu den Eltern gelaufen und zeigten auf die alte Frau, die stumm neben einem mittelgroßen Feldstein stand und sich nicht vom Fleck rührte. Aufgeregt berichtete der älteste Junge, die „abscheuliche Alte“ habe soeben die kleine Frieda, die ihr zu nahe gekommen sei, in einen Stein verwandelt.

Augenblicklich gingen Prachermann und Pracherfrau zu der Alten und forderten sie drohend auf, auf der Stelle ihr verzaubertes Kind wieder in einen Menschen zu verwandeln. Die alte Frau erwiderte jedoch, daß sie gar nicht daran denke, weil ihr gerade dieses Mädchen besonders übel mitgespielt und sie sogar angespuckt hätte, weshalb sie es zur Strafe in den Stein verwandelt habe. Da geriet der Pracher in solchen Zorn, daß er die Hexe - denn um eine solche handelte es sich - mit seinen Fäusten verprügelte. Nachdem er von ihr abgelassen hatte und sie abermals aufforderte , sein armes Kind zurückzuverwandeln, stand die Alte, die bei der Prügelei hingefallen war, mühsam auf, legte dem Pracher ihren Stock auf die Schulter und murmelte: „Werde auch zu Stein.“Im selben Moment stand anstelle des Prachers ein Findling im Heidekraut. Als die Pracherfrau das sah, geriet sie in Panik und rief ihre verbliebenen Kinder zu sich, um mit ihnen zu fliehen.

Doch die alte Hexe war schneller. Sie legte ihren Zauberstab zuerst der Pracherfrau und danach ganz schnell den Kindern auf und verwandelte alle in Steine, die den Pracherfindling im Halbkreis umstanden; die Pracherfrau etwas kleiner als ihr Mann und dann der Größe nach die Sprößlinge der Familie. Nach ihrem abscheulichen Werk lachte die Hexe gellend auf, daß es schauerlich durch den Wald hallte, und war im nächsten Augenblick verschwunden.

Ein Wildhüter hatte das unheimliche Geschehen von weitem aus einem Versteck beobachtet und brachte die schreckliche Kunde ins Dorf, von wo sie sich wie ein Lauffeuer in der gangen Umgebung verbreitete. Furchtsam mieden die Menschen fortan den verhexten Wald, in dem sie bisher Pilze und Beeren gesammelt hatten. Im Laufe vieler Jahre geriet die Geschichte nach und nach in Vergessenheit. Erst als die Chaussee von Lupow nach Schwarz Damerkow um die Jahrhundertwende gebaut wurde, machten die Prachersteine wieder von sich reden. Als die Arbeiter nämlich daran gingen, mit Hämmern und Keilen den größten Stein zu zerteilen, um ihn als Baumaterial zu verwenden, da begann der Pracher zu bluten und Furcht ergriff die Männer. Jetzt erinnerten sie sich an die alte Sage von der verzauberten Pracherfamilie und alle betrachteten voller Scheu aus sicherer Entfernung die sechs Steine im Heidekraut.

Von nun an vergriff sich keiner mehr an den Steinen, im Gegenteil, denn die Leute legten nicht selten Blumensträuße auf die zu Stein gewordene Pracherfamilie neben der Chaussee. Wieder vergingen die Jahre, und nach Jahrzehnten kamen andere Menschen in unsere Heimat, die von der alten Überlieferung nichts wußten. Wieder wurde an der Chaussee zwischen Lupow und Schwarz Damerkow gearbeitet und die Trasse bei den Prachersteinen neu gelegt. Wer jetzt von Schwarz Damerkow nach Lupow fährt, der muß schon suchen, um die Pracherfrau mit ihren vier Kindern zu finden, die getrennt von ihrem Mann im Kiefernwald steht. Den Pracher selbst haben die Polen direkt an der Straße in eine Kurve gestellt, so daß ihn jeder sehen kann, der dort vorüber fährt.

Ich konnte nicht erfahren, ob den Polen die Bedeutung der Steingruppe bekannt geworden ist. Immerhin mutet es erstaunlich an, daß sie diese beim Umbau der alten Chaussee geschont haben. Und so wird die versteinerte Pracherfamilie wahrscheinlich noch lange im Lupower Wald stehen und auf ihre Erlösung warten.


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