Weitere Geschichten aus dem Kreis Bütow von Georg Sonnenburg © 1986-2001
Erstveröffentlichung in: Die Pommersche Zeitung vom 9. Mai 1992


Ein frommer Schläfer

Niemals wird bekannt werden, woher er kam, und keiner wird sagen können, wohin er ging. Ungefähr zwei Jahre brachte er in Lupowske, dem nachmaligen Grünenwalde, zu und wohnte beim Bürgermeister Paul Lehmann, dessen stattlicher Hof außerhalb der Ortschaft gegenüber der Franzoseninsel am Jassener See lag. Ihm genügte eine schlichte Stube in dem alten Bauernhaus mit wenigen Möbelstücken, denn der Siebmacher Daupke war ein spartanischer Mann.
In der ersten Zeit wußte gar keiner, welcher Zunft er angehörte, denn er arbeitete reihum bei den Bauern des Dorfes. Mal bei Herrmanns Franz, dann bei Bachers August oder seinem Bruder Reinhold, die ihre Höfe am Weg nach Bresinke hatten, und einige Zeit auch bei Albrechts Max in Hermannshof, mit dem ihn eine besondere Vorliebe für die Magie verband, schließlich aber auch bei „Herrn Pollack“.

Erst als Lehmanns Paul das Häckselsieb in die Brüche ging und er mit Recht um die sorgsame Pferdefütterung bangte, sprang Daupke ein und bewies, was für ein vortrefflicher Fachmann er auf diesem Gebiet war. Als Lehmann dann in „Borks Krug“ das Meisterstück mit beredten Worten pries, da wollte Bachers August auch ein solches Sieb, weil an seinem schon lange seitwärts der Hafer heraus rieselte. Danach war sein Bruder Reinhold an der Reihe, und plötzlich wollten alle im Dorf so schöne Siebe haben. Schließlich kamen die Bauern aus Bresinke, aus Neuendorf, Jassen und den beiden Pomeiske - kurz, Daupke hatte mitten in der Weltwirtschaftskrise sozusagen Hochkonjunktur.

Weil er jeden Pfennig krampfhaft festhielt und ihn mindestens dreimal umdrehte, ehe er ihn ausgab, auch im Dorfkrug nie gesichtet wurde, machten sich die Leute wegen seines „vielen Geldes“ so ihre eigenen Gedanken. Dann sah irgend jemand Daupke in der Bütower Blumenstraße aus der Wohnung einer Witwe kommen, und da hatten sie's raus: Er verpraßte sein Geld mit losen Weibern. Das war zwar nur ein Gerücht, aber Gerüchte haben es meistens in sich.
Richtig daran war nur, daß Daubke immer dann mit der Bahn nach Bütow fuhr, wenn sein Vorrat an Drahtgage ausgegangen war, die er für seine Siebe benötigte, und er bei Jütten oder Thurow für Nachschub sorgen mußte. Die Witwe war eine entfernte Verwandte von ihm, die er bei diesen Gelegenheiten besuchte. Das Holz für seine Siebe holte er übrigens umsonst von der Franzoseninsel, und die Fische, von denen er überwiegend lebte, angelte er gleichfalls umsonst im See.

Zugegebenermaßen stand er aber dem Kulturleben im Ort nicht abhold gegenüber, denn er gehörte dem Gesangverein „Schöne Stimmen“ an, und sein Tenor wurde gerühmt, weil manchen Leuten beim hohen C ein Schauer über den Buckel lief. Direkt berühmt waren seine gemeinsamen Auftritte mit Borks Herbert und Schröders Willem, letzterer mit einer beachtlichen Baßstimme. Borks Herbert war leider zuweilen unpäßlich, weil ihm ein verspäteter Stimmbruch zu schaffen machte. Womöglich wären die drei sonst noch groß herausgekommen, so aber beschränkte sich ihr Ruhm auf Lupowske.

Auch dem Kriegerverein war Daupke beigetreten und brachte es in dem Verein bis zum stellvertretenden Kassierer. Sein heimliches Streben nach dem Vorsitz durchkreuzte der Amtsinhaber, Bachers August, mit rüden Bemerkungen wie „Dat is uck son Klaugschieter“ oder „Wat dei ull Rumdriewer woll will“, die sein eigenes Ansehen stärkten, das des Nebenbuhlers dagegen herabsetzten.

Als Schütze im Verein war Daupke hervorragend. Gegen seine Leistungen konnte nicht mal der barsche Vorsitzende etwas einwenden. Mehrere Male mußte er sogar gegen Borraß antreten und stechen, wobei es den Grünrock gewaltig verdroß, daß sich Daupke nach einem Sieg von seiner wenig spendablen Seite zeigte.

In einer Schrecksekunde der besonderen Art entfleuchte dem Siebmacher dann aber doch sein Herkunftsort, allerdings führte das auch nicht weiter, weil es davon gleich mehrere in Pommern gab. Bürgermeister Lehmann ging mit seiner Familie allsonntäglich nach Jassen, um als guter Christ dem Gottesdienst beizuwohnen, den in der dortigen alten Fachwerkkirche der Superintendent Engel zelebrierte. Um nicht als Heide verschrien zu werden, kaufte sich Daupke Langschäfter und Breecheshosen und ging mit, obwohl er sich bis dahin Gotteshäuser lieber von außen angesehen hatte. So fiel es ihm denn auch gar nicht leicht, die durch lange Predigten des Superintendenten ausgedehnten Gottesdienste zu überdauern, und er sann auf Abhilfe.

Die fiel ihm dergestalt ein, daß er fortan mit gefalteten Händen und gesenktem Haupt den frommen Beter mimte, in Wahrheit jedoch ein wohlverdientes Schläfchen hielt. Das fiel nicht weiter auf, weil Daupke zum einen seinen Platz mit Bedacht weit hinten in der Kirche gewählt hatte und weil er zum anderen nicht schnarchte. Nun ging aber auch sein Krug nur so lange zu Wasser; bis ihm der Henkel brach, denn Gott läßt seiner nicht spotten.

Für den Ostergottesdienst hatte Superintendent Engel seine Predigt nach dem Evangelium „Der Sturm auf dem Meere“ ausgewählt, weil in der Karwoche die Fischer auf dem Jassener See in einen furchtbaren Orken geraten und um ein Haar gekentert und „versoffen“ wären. Engel zog so gewaltig alle Register, daß auch die verstocktesten Sünder ihm gebannt zuhörten, was nicht so oft der Fall war. Ausgenommen allerdings der Siebmacher Daupke, der wie immer den Schlaf des Gerechten schlief. Irgendwie drangen aber die Donnerworte des Geistlichen auch in seine lieblichen Träume und ließen seinen Schlaf flach und flacher werden.

Er wurde genau in dem Augenblick wach, als der Geistliche von der Kanzel eine Hand in die Menge stieß und mit drohender Stimme ausrief:
„Wem gehorchen Wind und Meere.... ?!“ Hier legte er eine Kunstpause ein.

Noch halb umnebelt, gewahrte Daupke die auf sich gerichtete Hand des Geistlichen und vernahm mit halbem Ohr dessen nun hallend hinzugesetztes: „... wer ist das?!“ worauf er sich zu Recht als Heuchler ertappt fühlte, aufsprang und vollkommen verdattert ausrief:

„Ick bin Siebmacher Daupke ut Labenz!“

Zu seiner großen Bestürzung wurde das hehre Gotteshaus mit seinen schön bemalten Holzwänden im nächsten Moment von einer so gewaltigen Lachsalve erschüttert, daß es sogar dem Superintendenten die Sprache verschlug. Als er sich wieder gefaßt hatte und seine Predigt fortsetzte, schlich sich Daupke wie ein ertappter Dieb aus der Kirche und eilte heimwärts. Im ersten Impuls war er nahe daran, sich von der Jassener Brücke in den See zu stürzen, um sich zu „versaufen“, er besann sich aber eines besseren und war schon beim Packen seiner Sachen, als Lehmanns nach Hause kamen.

So, wie er gekommen war, verschwand er sang- und klanglos aus Lupowske, weil er mit dieser Schande nicht leben konnte. Die Legende vom „Siebmacher Daupke ut Labenz“ hielt sich aber noch lange.


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